Erst ist es ein leises Raunen, als Scheinwerfer die Bühne in blaugelbes Licht tauchen und der Bass durch die Körper von 11000 Jugendlichen vibriert. Dann betritt der Rapper Max Herre die Bühne, und plötzlich jubeln sogar die Ordner in den orangefarbenen T-Shirts, die gerade noch vor Kälte gezittert haben. Da kann es prasseln, Pullover, Haare und Boden können durchweichen und Windböen über die Berliner Wuhlheide fegen; in der Menge steht Eva Eschenbruch, hört, wie Max Herre von 16-Jährigen singt, die keine Lehrstelle finden, und weiß: Berlin 05 macht ihr keiner mehr kaputt. Auch der Regen nicht.

Seit Wochen hingen die Plakate für Berlin 05 auf U-Bahnhöfen, in Schulen und an Bushaltestellen, drei Tage Berlin für 44 Euro inklusive Bahnreise, Zeltplatz und Fanta Vier. "Das Festival für junge Politik", veranstaltet vom Projekt P, dessen Geschäftsführerin Eschenbruch ist. Eine Art Rock am Ring mit Bildungsanspruch, gesponsert von der Bundesregierung, der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) und dem Bundesjugendring. Die Konzerte sind nur der Köder. Drumherum liefen am vergangenen Wochenende Hunderte von Workshops zu Europa, Globalisierung oder Arbeitslosigkeit, Politiker wie Jugendministerin Renate Schmidt hockten sich in stickige Zelte, um mit den Teilnehmern zu diskutieren. Abseits der Bühne drängte sich der Stand von Greenpeace an den von amnesty international. Das Festival war ein Testballon, ob sich Jugendliche so für Politik interessieren lassen. Wissenschaftler wie Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell-Jugendstudie, behaupten das seit langem. "Wenn man die Jugendlichen erreichen will, dann am besten über solche Events und sicher nicht mit traditionellen Funktionärsstrukturen."

Berlin 05 war ein Feldversuch und Eva Eschenbruch die Versuchsleiterin, eine schmale Frau mit braunen Haaren, die im Laufe dieses Wochenendes noch ein bisschen schmaler wird. "Das ist eine fiese Situation", hat sie am Freitagnachmittag gesagt und zum Himmel geschaut. Da hat sie sich noch Sorgen gemacht, ob sie wirklich alle kommen würden, trotz Dauerregens, die mehr als zehntausend angemeldeten Teilnehmer aus ganz Deutschland und sogar den Nachbarländern, hier heraus ins DDR-Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) mit dem holzverkleideten Betonklotz, der Bimmelbahn und der eigenartigen Pilzskulptur neben der Bühne, wo früher die FDJ-Pioniere aufmarschiert sind. Am Freitag stapfen Jugendliche mit Schlafsäcken durch den Schlamm, an der Jacke die unvermeidlichen Che-Guevara-Sticker, in der Hand rote Plastiktüten mit dem Aufdruck "Hier kommt Politik zum Tragen". Die gibt es beim Stand der BPB, gefüllt sind sie mit diesen schwarzen kostenlosen Heften, die man aus dem Sozialkundeunterricht kennt. Es riecht nach Bratwurst, Bier und Schweiß.

Sie zelten im strömenden Regen

Den Jugendorganisationen der Parteien laufen die Mitglieder weg. Gerade zwei Prozent der 12- bis 25-Jährigen sind Mitglied, früher waren es doppelt so viele. Und nur ein knappes Viertel hat überhaupt noch Lust, sich parteipolitisch zu engagieren. Keinesfalls bedeute das jedoch, dass junge Menschen sich nicht mehr für die Welt um sie herum interessierten, sagt Hurrelmann. "Wenn die Politik nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch anspricht, sind sie dabei." Mit erstaunlichen Folgen: Während in den Jugendorganisationen der Parteien mehr Jungen zu finden waren, sind bei Berlin 05, fernab aller Apparate, die Mädchen fast schon in der Überzahl.

Gefühle spricht das Festival auf jeden Fall an. Nicht immer positive. Josefa, genannt Josy, 17 Jahre alt, zum Beispiel ist richtig sauer an diesem Freitagabend. Da hat sie sich mit ihren Freundinnen Sophie, Leyla und Mona vor Stunden auf den Weg gemacht quer durch Berlin, sie haben im strömenden Regen ihre Zelte aufgebaut und die Heringe mit geliehenem Hammer in den aufgeweichten Boden gerammt, und jetzt sind sie zu spät dran. Clueso, für Josy der Höhepunkt des Abends, sind schon runter von der Bühne. Wütend zieht sie ihren roten Regenmantel fester um die Schultern. Neben ihr steht Sophie mit grauer Schirmmütze und buntem Halstuch, kaut auf einem Butterkeks und sagt: "Das erste Drama des Abends." Leyla erzählt unterdessen, dass sie lieber zum gleichzeitig laufenden Hurricane-Festival nach Norddeutschland gefahren wäre. "Doch das hätten meine Eltern nie erlaubt. Dann wenigstens das hier. Ist doch ein guter Kompromiss."

Das mit den Konzerten als Köder scheint zu klappen. Doch wer so weit geht zu behaupten, die Teilnehmer kämen ausschließlich, um Max Herre, die Fantastischen Vier oder Tocotronic live zu erleben, dem antwortet Eva Eschenbruch mit einem entschiedenen Kopfschütteln. "Bestimmt nicht. Dafür hätten sie sich nicht anmelden müssen, die Konzerte sind umsonst." Nein, sagt sie, Berlin 05 könne ein Schlüsselerlebnis werden für viele, ein Anstoß, Fragen zu stellen und Lösungen zu suchen. "Viele Leute sind durchs ganze Land gefahren, um hier zu sein."

700 Kilometer von Tübingen bis in die Wuhlheide