Seit dem vierten Schuljahr hatte Irene Guerra davon geträumt, eines Tages in Stanford zu studieren. Ein dreister Wunsch, denn Irene wohnte in East Palo Alto, auf der falschen Seite der Gleise, wie man hier sagt. Schüler in "East" brechen eher die Schule ab, kriegen ein Kind oder verlieren sich in Drogen, als dass sie den Weg in die kalifornische Elitehochschule in Palo Alto finden. Dass Irene Guerra es 2003 dennoch geschafft hat, liegt nicht nur an der Unterstützung durch ihre Eltern, sondern vor allem an EPATT.

East Palo Alto Tennis and Tutoring wurde vor 16 Jahren als Tennis-Sommercamp für benachteiligte Kinder in dem hauptsächlich von Latinos bewohnten Vorort gegründet. Zwei Jahre später kam der akademische Teil dazu, die tägliche Nachhilfe. 1995 zeichnete der Tennisverband ATP East Palo Alto Tennis and Tutoring als eines der zehn besten Tennisprogramme für Großstadtkinder aus. Seit 1997 ist EPATT bei der Stanford University angesiedelt und im dortigen Tenniszentrum untergebracht. Etwa 100 Schüler erhalten hier von 130 Freiwilligen, zumeist Stanford-Studenten, Nachhilfe und Tennisstunden, weitere 100 Schüler stehen auf der Warteliste.

EPATT hat ein Budget von einer knappen halben Million Dollar, das hauptsächlich durch Spenden aufgebracht wird, einen Direktor, drei Assistenten und viele Praktikanten. Es gibt drei gestiftete Kleinbusse, mit denen die jüngeren Kinder abgeholt und ins Tenniszentrum gefahren werden. Ein Flügel des Tenniszentrums steht dem Programm zur Verfügung, dort gibt es vier Klassenzimmer, einen Computerraum und eine Küche fürs gemeinsame Abendessen.

An vier Nachmittagen in der Woche verbringen die Schüler eine Stunde auf dem Tennisplatz und mindestens anderthalb Stunden mit Nachhilfe. Das akademische Programm für die Jüngsten konzentriert sich auf Lesen und Schreiben, auf die Lautlichkeit der englischen Sprache und die Ausbildung lexikalischer Fähigkeiten. Die Kleinen sollen früh begreifen, dass es viele nützliche Quellen außerhalb des Internet gibt. Darum müssen sie erst den Umgang mit Lexika und Enzyklopädien lernen, ehe sie nach der fünften Klasse an die Computer dürfen. Die älteren Schüler bekommen Fachunterricht, Vorbereitungsstunden für die nationalen Tests und Hilfe bei den Bewerbungen fürs College.

Irene und ihre Eltern hörten zum ersten Mal von EPATT durch ihre beste Freundin, die an dem damals noch reinen Tennisprogramm teilnahm. Irene erinnert sich: "Eigentlich habe ich mich bis zur High School für Tennis nicht sehr interessiert. Doch als die Tutorials begannen und ich meine Tutorin Jessica gefunden hatte, war ich unheimlich glücklich. Ich wollte werden wie sie. Später habe ich selbst angefangen, die Kleinen bei EPATT zu trainieren."

Nur wer fleißig lernt, darf zum Turnier

Die Tutorenstunden sind Voraussetzung für die Teilnahme an Tennisturnieren, Tennis-kliniken, Ausflügen. Tennis ist der Bonus. Für besonders gute Schüler wie Irene gibt es ab der neunten Klasse, dem Beginn der High School, eine besondere Förderung: Sie dürfen auf eine Privatschule wechseln, gesponsert von privaten Spendern. Voraussetzung freilich ist, dass sie das Tennisteam der neuen Schule verstärken. Der Übertritt von der Mittelschule in East Palo Alto in die Privatschule warf Irene akademisch erst einmal zurück. EPATT half natürlich auch hier mit Extranachhilfe in den ersten Monaten. Ihre guten Leistungen im Tennisteam haben der Schülerin aus dem "falschen Viertel" geholfen, sich in der neuen High School schneller zu integrieren.

Den Verantwortlichen von EPATT ist indes wichtig zu betonen, dass die Vorbereitung aufs College nicht das einzige Anliegen ihres Programms ist. Vorrang hat, "jedes Kind mit Kenntnissen und Rüstzeug so auszustatten, dass sie das Leben besser meistern können – im College, in der Fachschule, im Job, beim Militär", sagt Chandelle Black. Darum sei der Sport so wichtig. Tennistrainerin Diana Sumner ergänzt: "Auf dem Platz zu stehen hat für viele Teilnehmer wenig mit Tennis und sehr viel mit dem Aufbau sozialer Beziehungen zu tun. Teil des Teams zu sein schafft Zugehörigkeit." Tennis zwingt die Kinder zur Interaktion. "EPATT-Schüler", sagt Sumner, "schaffen enge Bindungen, weil sie eine Menge Zeit auf dem Platz beim Teamtraining, im Doppel oder bei Meisterschaften verbringen." Darum bekommt jeder Teilnehmer am Ende des Schuljahres bei der jährlichen Preisverleihung mit Eltern und Freunden einen Pokal, auf dem "EPATT Team Member" eingraviert ist. Der Teamgedanke steckt auch hinter der Aufforderung an die Eltern der ausgewählten Schüler, sich unbedingt einzubringen. Sie machen Fahrdienste oder kochen das Abendessen, sie backen Kekse für die Partys der Kleinen, organisieren Barbecues, und sie kommen zu den Ausscheidungen. Vor allem aber sollen die Eltern hinter ihren Kindern stehen, wenn es um die Erledigung der Hausaufgaben geht.