China »Müntefering soll mal herkommen«
Hier nörgeln sie, dort werden sie zu fröhlichen Kindern des Kapitalismus: Beobachtungen über deutsche Unternehmer in China
Gleich wird er seinen Ekel nicht mehr herunterschlucken können, gleich wird er wohl kotzen. Er zieht ein Gesicht, als habe ihm fauliger Fisch den Magen vergiftet, und sagt: »Müntefering.« Auf jeder Silbe kaut er angewidert herum, danach ein Schnaufen, das von tief innen zu kommen scheint.
Rolf Endreß, Vorstandschef der mittelständischen Produktionsfirma Friwo im Münsterland, sitzt in der südchinesischen Stadt Shenzhen auf einem Bürostuhl, hat gerade noch von diesem Paradies der Arbeitgeber geschwärmt, da muss er für einen Moment zurückdenken an sein eigenes Land, das hin und wieder in ein paar Fernsehszenen an ihm vorbeiläuft. »Müntefering.« Das Synoym für all die deutsche Verbohrtheit und Blindheit. Flieht man vor diesem Zustand, dann flieht man lange und landet mit etwas Glück in China.
»Müntefering soll doch mal herkommen«, sagt der deutsche Boss, der gerade mit seinem Büro und seiner Frau nach Shenzhen gezogen ist. »Das hier soll er sich mal ansehen, damit er vielleicht begreift, was los ist.« Draußen vor dem Fenster stehen die Wohnblocks der blutjungen Arbeiterinnen, die für umgerechnet 40 Cent in der Stunde elektronische Teile zusammenstecken. Noch ist Endreß neu in diesem Land, und alles, was er sieht, fühlt sich für ihn an wie eine Erlösung von den Geißeln in Münteferings Land. Niedrige Löhne, lasche Umweltgesetze, hoch motivierte Arbeiter, perfekt ausgebaute Häfen und Flugplätze. Sogar in der betongrauen Industriestadt Shenzhen gibt es Business-Lounges mit High-Speed-Internet-Anschlüssen.
Ein warmer Wind treibt Staubwolken durch die Straßen von Shenzhen, Busse hupen, die draußen in den Dörfern mit unverbrauchten Arbeiterinnen beladen wurden. Arme Mädchen, könnte man denken. Aber sie schluchzen nicht, sie verlöten Drähte, sie verdienen besser als ihre Väter und Mütter. Man müsste ihnen schon einreden, sie seien Opfer, damit sie auf einen solchen Gedanken kämen. In den großen Städten an der Ostküste haben die armen Mädchen ebenso arme Cousinen oder Brüder, die mit 25 Jahren drei Sprachen beherrschen, nebenher Computersprachen – und Zugereisten vor Augen führen, wie schnell die Welt sich dreht. Es sieht nach einem Aufbruch in eine unsortierte Moderne aus, die den Mustern westlichen Denkens entgleitet.
»Bald braucht man so einen wie mich nicht mehr«
Shenzhen bietet sich als Basislager für die Goldgräber der globalisierten Wirtschaft an. Waschmaschinen, Toaster, Büstenhalter, alles machbar. Die Wirtschaft in der Stadt wächst jährlich um bis zu 20 Prozent. Die Saloons, in denen die Goldgräber sich erfrischen, heißen heute Mission Hills Resort oder Sunshine Bar und haben fünf Sterne. Schon vor 20 Jahren ging es hier los, als noch niemand Chinas Wirtschaft bewunderte. Das nahe gelegene Hongkong, die vornehme Insel im Südchinesischen Meer, war Investoren zu teuer geworden.
Nach Shenzhen kamen Unternehmer, die alles zu verstehen glaubten und nur nach Leuten suchten, die das Verstandene zusammenschraubten. Kolonialherren der Weltwirtschaft. In den Hotelbars von Shenzhen studierten die Zugereisten die Whiskykarten und träumten von ungestörter Marktmacht. Die Sonderwirtschaftszone schien ideal. So ist es noch heute, Shenzhen, trostlos und billig, bleibt eine verlockend chronische Untertreibung. Aber glaubt man, dass dort auch die chinesische Versuchung des 21. Jahrhunderts zu besichtigen sei, dann ist Shenzhen eine Täuschung.
Kolonialherren, die neben sich nur gehorsame Übersetzerinnen duldeten, wurden nutzlos, als die westlichen Konzerne China als Absatzmarkt entdeckten. Wer auf diese potenziell 1,3 Milliarden Kunden aus ist, braucht verlässliche chinesische Lotsen – Kaufleute, Ingenieure, Architekten, Projektleiter, Schmiergeldüberbringer und Bürokratenbestecher. Lange war bekannt, wie man mit Chinesen Handys herstellt, aber nicht, wie man für Chinesen Handys herstellt. Für die Verbindung von beidem benötigte man deutsch-chinesische Partnerschaften, so genannte Joint Ventures. Es kamen nun jüngere Manager in die Ableger der europäischen und amerikanischen Firmen, es kamen Menschen, die bereit waren, mit Chinesen Büroräume und Wissen zu teilen. In ihren Firmen gaben sie Verantwortung an Chinesen ab und lernten nach ein paar Jahren, dass diese irritierend gelehrigen Chinesen technische Patente kopierten und ihre eigenen Geschäfte tätigten.
»Bald braucht man so einen wie mich nicht mehr«, sagt ein deutscher Werkschef in Shanghai. »Dann könnte mich ein Chinese ersetzen.« So viele glänzend ausgebildete Chinesen haben inzwischen die Hochschulen verlassen, sprechen Englisch und machen Karriere in multinationalen Firmen, dass diese einheimischen Eliten auch ausländische Firmen leiten können. Was in Shenzhen begonnen hat, kriecht die Küsten hoch und runter, ballt sich in Shanghai, davor, dahinter, breitet sich weiter aus. Schon lockt die Regierung Investoren mit immer neuen, frisch erschlossenen Industriegebieten. Man muss nur den Fährten aus neuen Strommasten folgen, um zu erkennen, warum Chinesen auf die deutsche Frage, was früher besser gewesen sei, gern antworten: »Heute ist alles besser.«
Egal, zu welcher Öffnungszeit man die deutsche Industrie- und Handelskammer von Shanghai betritt – stets kommt man sich vor wie in einem Lottoladen kurz vor der Samstagsziehung. Nur muss man, um mitspielen zu können, erst mit einem Aufzug weit nach oben in einem verspiegelten Büroturm fahren, sich eine Krawatte umbinden und einen Aktenkoffer tragen. Besser, man hat auch einen Termin, weil man sonst tagelang warten muss auf eine Beraterin oder einen Berater, die sich um Menschenmassen kümmern, die meist nur eines wollen – eine Fabrikhalle in China. Und ein paar Genehmigungen. Und bitte ganz schnell. »Bitte«, sagen die Ratsuchenden ständig, »danke.« – »Tatsächlich?«, fragen sie. »Ja, toll, bis bald.«
Die deutschen Unternehmer, die da erwartungsfroh wie Kinder auf Stühlen hin- und herrutschen, scheinen überhaupt nichts gemeinsam zu haben mit den Unternehmern, die in deutschen Talk-Runden gramgebeugt über Lohnnebenkosten nörgeln. Man könnte denken, diese Menschen hätten sich während einer zehnstündigen Flugreise nach China in eine andere Spezies verwandelt. Fliegt man zurück nach Europa, wird man China so schnell nicht los. »Für wen arbeiten Sie?«, fragt ein junger Chinese auf dem Nachbarsitz in der Maschine. »Für eine Zeitung in Deutschland.« Der Chinese schweigt einen Moment lang, dann spricht er mit gedämpfter Stimme, als habe er einen freundschaftlichen Tipp. »Denken Sie mal nach«, sagt er, »warum machen Sie Ihre Zeitung nicht in China? Hier ist alles viel billiger. Ich könnte Ihnen eine Halle besorgen.«
- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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