China »Müntefering soll mal herkommen«Seite 2/2

»Bald braucht man so einen wie mich nicht mehr«, sagt ein deutscher Werkschef in Shanghai. »Dann könnte mich ein Chinese ersetzen.« So viele glänzend ausgebildete Chinesen haben inzwischen die Hochschulen verlassen, sprechen Englisch und machen Karriere in multinationalen Firmen, dass diese einheimischen Eliten auch ausländische Firmen leiten können. Was in Shenzhen begonnen hat, kriecht die Küsten hoch und runter, ballt sich in Shanghai, davor, dahinter, breitet sich weiter aus. Schon lockt die Regierung Investoren mit immer neuen, frisch erschlossenen Industriegebieten. Man muss nur den Fährten aus neuen Strommasten folgen, um zu erkennen, warum Chinesen auf die deutsche Frage, was früher besser gewesen sei, gern antworten: »Heute ist alles besser.«

Egal, zu welcher Öffnungszeit man die deutsche Industrie- und Handelskammer von Shanghai betritt – stets kommt man sich vor wie in einem Lottoladen kurz vor der Samstagsziehung. Nur muss man, um mitspielen zu können, erst mit einem Aufzug weit nach oben in einem verspiegelten Büroturm fahren, sich eine Krawatte umbinden und einen Aktenkoffer tragen. Besser, man hat auch einen Termin, weil man sonst tagelang warten muss auf eine Beraterin oder einen Berater, die sich um Menschenmassen kümmern, die meist nur eines wollen – eine Fabrikhalle in China. Und ein paar Genehmigungen. Und bitte ganz schnell. »Bitte«, sagen die Ratsuchenden ständig, »danke.« – »Tatsächlich?«, fragen sie. »Ja, toll, bis bald.«

Die deutschen Unternehmer, die da erwartungsfroh wie Kinder auf Stühlen hin- und herrutschen, scheinen überhaupt nichts gemeinsam zu haben mit den Unternehmern, die in deutschen Talk-Runden gramgebeugt über Lohnnebenkosten nörgeln. Man könnte denken, diese Menschen hätten sich während einer zehnstündigen Flugreise nach China in eine andere Spezies verwandelt. Fliegt man zurück nach Europa, wird man China so schnell nicht los. »Für wen arbeiten Sie?«, fragt ein junger Chinese auf dem Nachbarsitz in der Maschine. »Für eine Zeitung in Deutschland.« Der Chinese schweigt einen Moment lang, dann spricht er mit gedämpfter Stimme, als habe er einen freundschaftlichen Tipp. »Denken Sie mal nach«, sagt er, »warum machen Sie Ihre Zeitung nicht in China? Hier ist alles viel billiger. Ich könnte Ihnen eine Halle besorgen.«

 
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