Ist 58 ein biblisches Alter? Als der Trompeter Chet Baker 1988 tot auf einer Straße in Amsterdam gefunden wurde, war die Klage groß über den mörderischen Weg, der den James Dean des Jazz in eine Squaw mit künstlichem Gebiss verwandelt hatte. Die Geschichte lässt sich aber auch anders erzählen: von einem Trompeter, der in seinen letzten zehn Jahren zu einem dunklen Ton voll überirdischer Schönheit fand. Im Gegensatz zu Louis Armstrong oder Miles Davis gelangte Chet Baker im Alter – je mehr er physisch zerfiel – zu einer "architektonischen Vollkommenheit seiner Melodielinien, die so zerbrechlichen Naturwundern wie Schneekristallen ähnelten". Er sei immer perfekter geworden, wagt die akustische Biografie von Marcus A. Woelfle zu behaupten und trifft damit ins Herz der Musik. Das Image, das die Fotografien William Claxtons vom jungen Chet Baker schufen, hätten sich ebenso lähmend über die frühe Musik des Trompeters gelegt wie Bruce Webers Dokumentarfilm Let’s Get Lost über den späten, nuschelnden Star: vom Outlaw zum Luxuslandstreicher, vom Bauernjungen zum Junkie. Für ihn sei 58 wahrlich "ein biblisches Alter".

Der Musikpublizist und Geiger Marcus A. Woelfle, Jahrgang 1964, vertraut auf sein profundes Wissen, schreibt nicht heute, was er sich erst gestern angelesen hat, und erzählt die Geschichten im Bewusstsein der Gefahr, dass sie sich über die Musik legen können und man also nur hört, was vorher zu lesen war. So bleibt er vorsichtig, verknüpft die Anekdoten mit der Analyse, zitiert Stimmen und zieht seine eigenen Schlüsse (denen man nicht immer folgen muss). Dabei hilft, dass die Musik in Ausschnitten oder vollständig zwischen die Erzählung gestreut ist, als Beleg und zum Atemholen. Eine zweite CD enthält 70 Minuten klug ausgewählte Stücke. Und man profitiert von der Stimme Rufus Becks, der virtuos liest, wandelbar und so konzentriert und zügig, als wolle er selbst wissen, wie es weitergehe in diesen Biografien gespaltener Persönlichkeiten.

Auch beim Pianisten Thelonious Monk und beim Bassisten Charles Mingus, beide Komponisten ersten Grades, lebt die vorgetragene "Story" ihres Lebens von der Unvereinbarkeit von Alltag und Kunst, von Weiß und Schwarz. So flüchtet Charles Mingus in die Wut, Chet Baker in die Drogen und Thelonious Monk ins Schweigen. Den Schwarzen war Baker zu weiß, den Weißen Mingus zu schwarz und Monk warf man vor, er könne ohnehin nicht spielen. Bis er eines Nachts bei einem Radiosender anrief und klarstellte: "Das Klavier hat keine falschen Noten."

Geschichten, auch das wird hörbar, können nur entstehen, wenn Kunst die Gesellschaft herausfordert und diese zurückschlägt. Chet Baker starb mit 58, Charles Mingus mit 56, und Thelonious Monk verstummte mit 59. "Jazz ist die Person, die ihn spielt", verkürzte der Pianist Mal Waldron einmal die leidige Definitionsfrage auf den Menschen. In dieser Beziehung ist diese Biografie-Reihe leider endlich. Wer nach einem Kanon sucht, darf hier beginnen.

Gelesen von Rufus Beck; ZYX Music; je 2 CDs (Hörbuch & Musik) zu je 70 Min., je 19,95 € (mit ausführlichem Begleitbuch)