" 50 Filmklassiker

Als John Ford im amerikanischen Friedensjahr 1939 den Western Stagecoach drehte – in deutscher Fassung Ringo, Höllenfahrt nach Santa Fé –, waren die bizarren Berge von Arizonas Monument Valley für die Mehrheit der amerikanischen Kinogänger noch surrealistische Kulissenlandschaft für jene ungezählten Pferdeopern, die in einer Woche aufgenommen wurden. Immer schien die Sonne; hinter den Hügeln rotteten sich die steindummen Apachen zusammen, um eine arme Siedlerfamilie zu überfallen, und die Cowboys redeten mit ihren Pferden. Am Ende der Streifen erschien dann immer eine Reiterschwadron der U.S.-Cavalry, und alles war gut. Seit 1917 hatte John Ford derlei Western inszeniert. Amerika war jung. und musste seine Gründungsmythen für jene Millionen Einwanderer erfinden, deren historisch-sagenhaften Finsterlinge in der Geschichtsklasse eines Dschingis Khan oder Hagen von Tronje spielten. In Amerika hieß der Böse Geronimo, der indianische Barbar mit dem Skalpiermesser. Mit Stagecoach emanzipierte Ford den Western zum Kunstwerk.

Die Indianer, die Landschaft, die Cowboys, selbst die Kavallerie, alles bleibt erhalten – als unwahrscheinliche Kulisse eines Kammerspiels in einem Raum, der in erhöhtem Tempo auf vier Rädern von sechs Pferden über Stock und Stein durch die Wildnis gezogen wird. In der Überlandkutsche sitzen eine Prostituierte, eine schwangere Offiziersfrau, ein Whiskeyhändler, ein trunksüchtiger Arzt, ein betrügerischer Bankier und ein verkrachter Südstaatler; auf dem Bock treiben ein gutherziger Sheriff und ein pragmatischer driver das ganze Ensemble voran. Das Drehbuchschicksal hat sie zusammengefügt auf einer Tour durch indianisches Feindesland, auf dass sie gerettet werden durch den flüchtigen Strafgefangenen John Wayne, der nach zwanzig Filmminuten hinzusteigt. Ein Bild von einem Mann. Dass er auf einem Rachefeldzug ist, erweitert die Story um ein heroisches Sagenmotiv. Jetzt ist alles beisammen, die Indianer können kommen. Und da kommen sie schon: Berittene Zielscheiben mit Pfeil und Bogen, mit Winchestern, die nicht treffen (doch, der Südstaatler wird sterben). Die furiose Kameraführung, die wilden Schnitte – Ähnliches hatte es schon vorher gegeben. Neu war die Kombination von acht Nebendarstellern in den Hauptrollen unvereinbarer Charaktere – und neu war der Auftritt John Waynes. Ein Kerl, für den das Kino erfunden wurde. Wortkarg. Zielsicher. Bescheiden. Höflich gegenüber gefallenen Mädchen. Unerbittlich in seiner Distanz zur zivilisatorischen Umständlichkeit aller Gerichte. Der Held, der die Passagiere vor den Fährnissen der Wildnis rettet, ist der beau sauvage, der im Laufe seiner Filmkarriere herunterkommen sollte zum Reklamebild des Marinesoldaten an fernen Pazifikstränden. Doch in Stagecoach ist John Wayne ein Darsteller von atemberaubender männlicher Schönheit, die es nur einmal noch in Hollywood geben sollte: Bei Marlon Brando, doch der fuhr dann Motorrad.