Der ZEIT-Redakteur kleidet sich in der Regel - mehr lässt sein Salär nicht zu - unter Verzicht auf teure Markenklamotten bescheiden. Er ist aber - in Ausübung seiner wahrlich nicht leichten Tätigkeit - in der Regel bekleidet. Davon abweichend, wurde diese Kolumne nackt geschrieben, und zwar angeregt, um nicht zu sagen erregt, vom Anblick einiger Hundertschaften nackter Radfahrer, so genannter ciclonudistas, die kürzlich in Saragossa, Madrid und anderen spanischen Orten für menschenfreundlichere Städte demonstriert haben. D. Verf. betrachtet es als seine selbstverständliche Pflicht, sich dieser humanitären Aktion selbstlos anzuschließen, und bittet seine Leser, ihm darin zu folgen und diese Spalte nackt zu lesen. Es ist zwar leider richtig, dass derzeit die Witterung den spanischen Menschenfreunden günstiger gesinnt ist als den deutschen, aber das macht den hiesigen Einsatz umso wert- und wirkungsvoller.

Alain Robert übrigens, der französische Hochhauskletterer, hat dieser Tage das 283 Meter hohe Cheung Kong Centre in Hongkong erklommen, zwar nicht ganz nackt, aber doch nur mit einer Unterhose bekleidet, die, wie uns die Süddeutsche wissen lässt, rot gewesen sei, eine Mitteilung, die nach Interpretation verlangt. Rot ist unter anderem die Farbe der SPD, die ja zurzeit ziemlich nackt dasteht. Wollte Robert mit der roten Unterhose Solidarität demonstrieren oder Spott und Verachtung?

Das alles ist sehr verwirrend, die Welt zerfällt in ihre Einzelteile, und d.

Verf. (naturgemäß nackt) sieht sich, ohngeachtet seiner Pflicht, genau dies zu tun, außerstande, sie zusammenzufügen. Er kann in dieser Notlage nicht umhin, seine nunmehr nackten Leser darum zu bitten, ihm, im vollen (und schönen) Bewusstsein der Tatsache, dass er es hat, das Vertrauen zu entziehen. Wohin das führen soll? Ach, wer es wüsste!

Eine Frage allerdings kann nicht ungeklärt bleiben, die nämlich, was mit den Kleidern, den tagsüber von den Menschenfreunden jetzt nicht mehr getragenen, nachts passiert. Morgenstern hat in seinem Gedicht Der Rock bemerkt: Der Rock, am Tage angehabt, / er ruht zur Nacht sich schweigend aus - /durch seine hohlen Ärmel trabt / die Maus. Der am Tage nicht angehabte Rock - was wird der Arme nun, ohne Grund zum Ausruh'n, nächtens tun? Und was wird aus der Maus? Hier ist die Glosse leider aus.

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