Es entspricht gewiss nicht der Regel, dass ein berühmter Künstler, einfach nur, um seinen berühmten Kollegen zu feiern, das eigene Atelier frei räumt. Anderthalb Tage soll es gedauert haben, bis die bekannten Erscheinungen des Apoll von Michelangelo in der Düsseldorfer Werkstatt des Markus Lüpertz nicht mehr auf fast oder halb Vollendetes des Malerfürsten blickten, sondern auf Frikadellen, Heringssalat und verschiedene Erscheinungsformen von Obst und von Käse. Der Anlass ist Jörg Immendorffs 60.

Geburtstag und Lüpertz der Ausrichter.

Falsch. Lüpertz ist nie nur Ausrichter. Lüpertz kocht, serviert, spielt Saxofon, sagt Gedichte auf, spielt kein Saxofon, erklärt die Welt, führt ein neues Paar Schuhe vor, spielt nicht Klavier. Jörg Immendorff wird im Rollstuhl in das Atelier gefahren. Die Gäste applaudieren. Der österreichische Reporter einer bunten Klatschzeitung sagt: Der Lüpertz gibt heut' dem Immendorff eine schöne Leich'. Ein FAZ-Feuilletonist, der leider auch so aussieht, wendet sich betroffen ab.

Immendorff hat an diesem Tag ein neues Gemälde entworfen. Wie bei allen Arbeiten, die er in den letzten Monaten geschaffen hat, geht es um eine Auseinandersetzung mit den alten Meistern. Man muss Bildern nur antworten können, sagt Immendorff und zieht die Zigarette so gestenreich hilflos aus dem Mund, wie es die Klatschpresse zum Erbarmen beschrieben hat. Bilder fallen einem ständig in den Arm, versuchen es wenigstens.

Immendorff bleibt der erstaunlichste deutsche Maler des 20. Jahrhunderts. Ein begnadeter Behaupter, der sich für seine Wahrnehmung wahlweise auf den Kopf oder auf die Füße stellt. Da stellt sich einer vor die Leinwand, einer, der sich einst aus schwer- oder leichtgewichtigen Gründen von der klassischen Malerei trennen wollte, und setzt die klassischen Vorbilder wieder in ihr Recht. Er hat so einen frechen Kopf, sagt Lüpertz, und das ist schon die einzige Rede an diesem Abend. Er widmet sich plötzlich der künstlerischen Tradition, und das ist eine veritable Neuschöpfung, die noch keiner begreift, sagt der Galerist Michael Werner. Kurz vor Mitternacht, kurz vor der Tort,e erzählt ein Künstler von der Biennale. In Venedig sei es vielleicht auch um Kunst gegangen, sagt er, allerdings unentschlossen geschmacklos und umtriebig blind. Das tröstet einen Galeristen, der am nächsten Tag auf die Kunstmesse nach Basel fahren wird. Nach Basel!, rufen die Umstehenden, als handle es sich um die Vertreibung aus dem Paradies.

Denn dieses liegt in dieser Nacht in Düsseldorf, das wissen alle Gäste, in diesem Atelier in der alten Mensa der Universität. Lüpertz hat die Idee schon künstlerisch antizipiert. An den riesigen, heute aller Nachrichten beraubten Pinwänden heftet ein kleines Foto, das den Gastgeber und das Geburtstagskind zeigt. Es ist nicht schlimm, 60 zu werden, sagt Immendorff, als er an dem kleinen Foto vorbeizieht, schlimmer ist es, nicht 60 zu werden.