Brüssel

Die Musketen bei der Hand, der Degen blankpoliert, die Stiefel festgeschnürt. Briten und Franzosen werden an diesem Donnerstag die Klinge kreuzen am Brüsseler Verhandlungstisch, wenn es um Europas Zukunft im Allgemeinen und um Briten-Rabatt und französische Agrarsubventionen im Besonderen geht. Und dann erneut, aber ganz friedlich, am kommenden Sonntag. Denn der 18.Juni ist der 190.Jahrestag der Schlacht von Waterloo, ein paar Autominuten südlich der belgischen Hauptstadt gelegen, und der wird gebührend gefeiert, auch von Briten und Franzosen. 2000 Laiendarsteller aus 20 Ländern werden in historischer Montur in Stellung gehen.

"Blair für Franzosenkampf gewappnet", titelt der Guardian, "Blair nimmt Europa in die Hand", liest man in großen Lettern im Figaro, und der Londoner Economist zerbricht sich den Kopf über die Franzosen und räsoniert über den "Triumph des perfiden Albion". Frankreichs Präsident und Britanniens Premier fehlen leider Zeit und Lust, am Sonntag gemeinsam und friedlich die Fronten von einst abzuschreiten, gen Norden zwischen dem Gehöft Papelotte und dem Löwenhügel von Waterloo, wo einst die Stellungen von Wellingtons alliierten Truppen lagen, oder südlich vom Gut Hougoumont bis weit nach Osten, wo die Linien der napoleonischen Grande Armée verliefen.

Blair als Reinkarnation von Churchill, Chirac ganz der Sohn de Gaulles

Anders als an jenem 18.Juni 1815 – "Ich wollte, es würde Nacht oder die Preußen kämen", seufzte Wellington in Waterloo – darf der Brite keinesfalls auf preußischen Flankenschutz zählen, nicht am Brüsseler Verhandlungstisch, weil sich der Berliner Kanzler lange vor dem ersten Wortwechsel fest bei seinem Lieblingsfreund Jacques Chirac untergehakt hat.

Napoleon, so viel steht dank der Geschichtsbücher für den Ablauf des Sonntages fest, wird verlieren. Aber auch Chirac? Der Ausgang des Gipfeltreffens ist ungewiss, ein Scheitern für den Präsidenten allemal leichter zu ertragen als die Schmach, dass da die Axt an seine Agrarsubventionen gelegt würde. Wie immer das auch ausgehen mag, "das wird auf alle Fälle die schlimmste Konfrontation seit dem Irak-Krieg", verkünden händereibend britische Beobachter.

"Der Wettstreit zwischen England und Frankreich ist wahrscheinlich die älteste noch andauernde Rivalität zweier Nationen auf der Welt", schreibt der Oxforder Historiker Timothy Garton Ash in seinem Essay über die Freie Welt . Die Anfänge, so Ash, reichten mindestens sechs Jahrhunderte zurück, bis zum Hundertjährigen Krieg (1339 bis 1453): "Britannien definierte sich selbst als das Nicht-Frankreich." Und rüde über die Franzosen herzuziehen, sagt Ash, sei bis heute ein britischer Nationalsport.

Blair als Reinkarnation des Churchillschen Geistes, Chirac ganz der Sohn eines de Gaulle, so sind diese beiden Politiker füreinander längst die liebsten Gegner. Churchills Enkel in 10 Downing Street hat nie vergessen, dass er erstmals 1975 wählen durfte, beim britischen EG-Beitrittsreferendum, der junge Blair stimmte mit Ja – und nie verwunden, dass es der Franzose, dass es de Gaulle war, der den Briten so lange den Zutritt verwehrt hatte. Einem französischen Kritiker seiner England-Politik ließ der General damals einen leeren Briefumschlag zukommen. Auf der Rückseite vermerkte er handschriftlich: "Falls unzustellbar, bitte nach Azincourt und Waterloo weiterleiten."