Kann das gut gehen – ein Unternehmen mit zwei solchen Männern an der Spitze? Eitel, ehrgeizig, egozentrisch, politische Grenz- und Einzelgänger, Machtmenschen und notorische Zurücktreter zugleich, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine. Man glaubt sie zu kennen, als Paar, weil sie so oft in den Talkshows aufgetreten sind. Aber das taten sie gar nicht zusammen. In Wirklichkeit sind die meisten Bilder, die beide gemeinsam zeigen, schon ziemlich alt, neue gibt es noch nicht. Wie also gehen die eigentlich miteinander um? Ziemlich normal, und das ist das Ungewöhnliche daran.

Gregor Gysi als der charmante, aber nicht ganz so ernst zu nehmende Salonlinke, und Oskar Lafontaine, der abtrünnige Racheengel, die Nemesis des Gerhard Schröder – das war die gewohnte Vorstellung. Nun arbeiten Gysi und Lafontaine zusammen, als Spitzenduo eines neuen Linksbündnisses – und als Anwälte ihrer selbst. Sie sind so etwas wie Bewährungshelfer füreinander, sie arbeiten an der Rückverwandlung von Klischeefiguren in echte Politiker.

Gysi und Lafontaine werden derzeit häufig darauf angesprochen, ob der andere nicht ein bisschen unseriös sei, wenig verlässlich, ziemlich durchschaubar in seinen Motiven. Sie wissen, dass sie damit in Wirklichkeit selbst gemeint sind, also nehmen sie einander in Schutz. Könnte es nicht sein, dass der Rücktritt von Lafontaine eher ein Akt der Bescheidenheit gewesen sei? So fragte Gysi vergangene Woche ganz freundlich im heute-journal. Es war der Versuch, die politische Quarantäne Oskar Lafontaines zu beenden, und es war zugleich an Lafontaine selbst adressiert. Denn neben einem ausgeprägten Talent zur Selbstvermarktung und einer Vorliebe für das Wörtchen "ich" eint Gysi und Lafontaine die Erfahrung, ausgegrenzt zu werden.

1990 schafft es die PDS dank der damals geltenden Sonderregelung in den Bundestag. Im Westen bekommt sie nur 0,3 Prozent, im Osten 11 Prozent. Gysi ist doppelt enttäuscht. Er hat von einer gesamtdeutschen Linken geträumt, die die Intellektuellen anzieht. Nun sitzt er im Parlament, aber die arrivierten Politiker behandeln ihn wie den Sprecher einer unappetitlichen Sekte. Die Konservativen, die so viel auf gute Manieren halten, grüßen oft nicht mal. Nur einer sagt immer freundlich "Guten Tag, Herr Gysi", das ist Oskar Lafontaine. Er fühlt sich auch fremd in diesem neuen, wiedervereinigten Land. Er hat ein Attentat überlebt und, in grandioser Fehleinschätzung der nationalen Gemütslage, einen Wahlkampf verloren. 33,5 Prozent, das schlechteste Ergebnis für die SPD seit 1957. Lafontaine reagiert mit Rückzug. Er tritt nicht als Parteivorsitzender an, obwohl ihm Hans-Jochen Vogel die Kandidatur anträgt.

Vier Jahre später zieht die PDS als "Gysis bunte Truppe" wieder in den Bundestag ein. Auch Oskar Lafontaine, im Schattenkabinett des Kanzlerkandidaten Scharping für Finanzen zuständig, bekommt ein Mandat. Am 10. November eröffnet der Schriftsteller Stephan Heym als Alterspräsident den Bundestag. Die Unionsabgeordneten bleiben sitzen, sie verweigern dem 81-Jährigen den Respekt. Sie meinen die PDS, aber gemeint fühlt sich ganz Ostdeutschland. Die Szene brennt sich ins kollektive Gedächtnis der PDS ein. Lafontaine gilt zwar als Gegner der Einheit, aber er steht für Heym auf. Als sechs Tage später Helmut Kohl vereidigt wird, gibt Oskar Lafontaine sein Bundestagsmandat zurück. Als Mitglied der "SPD-Troika" mischt er weiter mit, zusammen mit Schröder und Scharping. Lafontaine ist es, der den Bann über Gysi 1995 aufhebt, indem er sich mit ihm trifft, nicht beiläufig und wie unvermeidlich irgendwo auf dem Flur, sondern ganz bewusst, hinter verschlossenen Türen. Man versichert einander der Wertschätzung, es ist kein konspiratives Geheimtreffen, es soll symbolische Ausstrahlung haben.

1998 sind sie beide richtig "drinnen" – wenn auch nur kurz. Die PDS überspringt zum ersten und einzigen Mal die Fünf-Prozent-Hürde. Gysi ist Fraktionsvorsitzender der PDS. Lafontaine, seit dem "Putsch" von Mannheim 1995 Vorsitzender der SPD, wird Finanzminister. Er hat in Gerhard Schröder einen Köder gesehen, um an die Regierung zu kommen. Er glaubte, Schröder einmauern zu können, die Richtlinien der Politik als Parteichef selbst zu bestimmen. Doch hat er die Macht des Amtes unterschätzt, Schröder nimmt die Partei zur Geisel und setzt seine Politik durch. Lafontaine zieht sich wieder zurück, nicht nur aus der Hauptstadt, sondern aus der Politik. Diesmal für immer, sagt er.

Gregor Gysi träumt noch immer von einer gesamtdeutschen Linken, in Lafontaines Rückzug sieht er eine Chance für die PDS, linke Wähler von der SPD zu gewinnen. Er denkt an Rot-Rot-Grün auf Bundesebene. Eine Korrektur in der Außenpolitik soll zur Eintrittskarte werden. Doch der Parteitag der PDS in Münster im Jahr 2000 verweigert Gysi die Gefolgschaft und stimmt gegen einen Antrag, der es den Deutschen ermöglichen würde, an UN-Einsätzen teilzunehmen. Gysi, der schon länger von seiner Partei genervt ist, tritt zurück. Nun ist auch er wieder draußen, wie Lafontaine. Der aber will längst wieder rein. Ein halbes Jahr schafft er es zu schweigen, dann macht er außerparlamentarische Opposition. Der Saarländer wird zum Volkstribun von eigenen Gnaden, die Talkshows und die Bild- Zeitung sind seine Bühne. Der Gegner ist erst Gerhard Schröder, bald die ganze SPD, der er "Opportunismus und Feigheit" vorwirft. Auch Lafontaine denkt inzwischen an eine neue linke Partei, eine, die er sich nach seinen Vorstellungen passend machen kann. Wenn er König von Deutschland wäre, sagt Gregor Gysi, dann wäre Deutschland die erste sozialistische Monarchie. Sie haben viel gemeinsam.