iranIn Weblogistan

Vor der Präsidentenwahl sind die iranischen Machthaber nervös: Im Internet formiert sich eine unberechenbare Opposition von 

Ein junger Mann, der sich Hoder nennt, hat in Iran eine Medienrevolution angestoßen. Ausgerechnet in der "Islamischen Republik" – für die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen das "größte Gefängnis für Journalisten im Nahen Osten" – erblüht nun eine neue Form der Öffentlichkeit.

Diese Blüte ist das paradoxe Ergebnis einer Repressionswelle: In den letzten sechs Jahren sind in Iran über 100 Publikationen verboten worden, darunter 41 Tageszeitungen. Regimekritische Intellektuelle sehen mit verzweifeltem Stolz die Repression als Beweis unbeugsamer iranischer Freiheitsliebe. Wo sonst müssen die Herrschenden so viele Zeitungen verbieten! Wenigstens in dieser Hinsicht, sagen manche im Untergrund, sind wir Weltspitze! Dem 30-jährigen Hoder, der im wirklichen Leben Hossein Derakshan heißt, ist solcher Sarkasmus nicht fremd. Er war selbst ein Opfer der Mullahs. Vor fünf Jahren wurde die Zeitung verboten, für die er eine tägliche Internet-Kolumne schrieb. Doch Hoder schlug zurück.

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Im Jahr 2000 ging er zum Studieren nach Kanada. Unter dem Eindruck des 11. September 2001 begann er dort, ein Weblog – eine Art elektronisches Tagebuch – in persischer Sprache zu schreiben. Auf Wunsch eines Lesers stellte er eine Anweisung ins Netz, mit deren Hilfe jedermann sein eigenes Blog auf Farsi aufmachen konnte. Es kam zu einer regelrechten Explosion der "Blogo-sphäre". 2004 wurden bereits 64000 persische Blogs registriert. Heute besteht das iranische "Weblogistan" nach vorsichtigen Schätzungen aus über 100000 Websites – eine phänomenale Zahl, wenn man bedenkt, dass die Nachbarländer im Nahen Osten es nur jeweils auf wenige hundert Blogger bringen. Farsi rangiert heute unter den am häufigsten gebrauchten Sprachen des Internet vor Spanisch, Deutsch, Chinesisch und Russisch. Viele Blogger führen ihre Websites zweisprachig auf Persisch und Englisch (http://blogsbyiranians.com/).

Das iranische Establishment wird zusehends nervös. Viele Seiten werden geblockt, zahlreiche Blogger wurden inhaftiert und gefoltert. Und nun wollen die Ajatollahs selbst im Web präsent sein. Der reformerische ehemalige Parlamentspräsident Ali Abtahi kommentiert die Weltlage in seinem eigenen Blog. Sogar Chomeinis Nachfolger, der oberste Revolutionsführer Chamenei, hat sich eine Website bauen lassen.

Die Blogs übernehmen Funktionen, an deren Erfüllung die staatlich kontrollierten Printmedien gehindert werden. Hier findet man unzensierte Berichte und Kommentare über die politischen Hauptgeschehnisse. So konnte man auf den Blog-Seiten das Drama um die Disqualifizierung der Reformkandidaten bei der am 17. Juni anstehenden Präsidentenwahl verfolgen. Durch die Blogs ist das System Irans um eine Absurdität reicher: eine schamlos manipulierte Wahl, über die das ganze Land per Internet in Echtzeit bis ins Kleinste informiert ist. Hoder ist in dieser Woche in seine Heimat zurückgekehrt, um auf seinem Blog mit dem schönen Namen Editor: Myself über die Vorgänge zu berichten. Er glaube, ließ er seine besorgte Gemeinde wissen, zumindest während der Wahl durch die internationale Aufmerksamkeit geschützt zu sein. Wie gewagt diese Aktion ist, zeigt das Schicksal des Journalisten Akbar Ganji, der kürzlich vor den Augen der Weltpresse aus dem Gefängnis entlassen wurde. Seit Tagen fehlt von ihm jede Spur. Man vermutet, dass er heimlich wieder verhaftet wurde.

Das amerikanische Fachmagazin Wired schätzt die iranische Internet-Gemeinde auf über fünf Millionen im letzten Jahr. Das Mullah-Regime wird durch die Blog-Öffentlichkeit mit den Paradoxien seiner Modernisierungsstrategie konfrontiert. Es will möglichst viele junge Leute, auch aus ärmeren Schichten, zum Studium bringen und ihnen Zugang zu Computern verschaffen. Das Regime schafft so die Öffentlichkeit mit, die seine Herrschaft unterminiert. In Teheran allein gibt es mehrere tausend Internet-Cafés.

Abbas Maroufi, der im Berliner Exil lebende größte Gegenwartsautor persischer Sprache, ist ein Enthusiast der Blogosphäre. Er nennt die Weblogs "die Flaschenpost unserer Zeit". Sein Blog auf Farsi ermöglicht es ihm, Schreibkurse mit Studenten in Iran abzuhalten oder Romane an der Zensur vorbei zu veröffentlichen – per Download. Sein letzter Text wurde viele tausend Mal heruntergeladen.

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