Die Sprache ist eine Hose, in die wir täglich hineinschlüpfen. Ob sie uns passt, fragen wir nicht, Hauptsache, bequem. Wenn jemand sich anschickt, uns Änderungen vorzuschlagen, gar anzuordnen, werden wir böse, siehe Rechtschreibreform. Der Streit darüber wird auf beklagenswertem Niveau geführt, und wer das bezweifelt, sollte Dieter E. Zimmers Anmerkungen dazu lesen. Die Verbindung von Vernunft und Kompetenz ist wahrlich selten, und dass sie wenig auszurichten vermag, liegt eben an der Hose. Da lassen wir niemanden ran.

Wahr ist aber, dass wir die Hose nicht kennen, nur zu kennen glauben. Wie sie zu ihrer heutigen Form gekommen ist und wie sie sich unmerklich verändert, wissen wir meist nicht. Zimmer erklärt es uns. Weil er ein sorgfältiger und nachdenklicher Autor ist, kommt er nicht zu knalligen Resultaten. Von der neuen Rechtschreibung ist er nicht begeistert (abgesehen davon, dass Orthografie generell niemanden begeistert), aber er findet sie eine Spur vernünftiger als die alte, die neuerdings vielen als ultimativ erscheint.

Zimmer beginnt sein erhellendes Werk mit dem Zwist zwischen Sprachkritik und Sprachwissenschaft. Diese neigt dazu, die Sprache als interessantes System scheinbar interesselos zu beschreiben; jene möchte jeglichen Missbrauch unterbinden. Beide Positionen sind letztlich naiv. Wer über Sprache nachdenkt, kommt um kritische Reflexion nicht herum. Aber er überschätzt sich, wenn er glaubt, der Schwerkraft sprachlicher Mutationen entgegentreten zu können. Das gilt zum Beispiel für die Anglizismen. Zimmer zeigt, wo sie unvermeidlich sind und wo sie unserer Sprache Gewalt antun. Es gibt in seinen Augen durchaus eine Grenze zwischen falsch und richtig, angemessen und unangemessen, nur verläuft sie nicht immer dort, wo der eifernde Studienrat sie gern sähe.

Die Frage, der sich Zimmer unter Heranziehung des Forschungsstandes widmet, lautet, ob und wie die Sprachpraxis unser Denken beeinflusst; ob also eine ärmliche Sprache ein ärmliches Denken hervorbringt; und weiterhin, ob wir nur mit Hilfe der Sprache denken können (was Zimmer verneint); und schließlich, ob zuerst die Sprache oder das Denken da war, was die Frage nach einem angeborenen Sprachvermögen einschließt. Zimmer referiert die kontroversen Positionen, bezieht Stellung dazu und ergänzt sie durch eigene Recherchen, etwa des Sprachstandards in den Quatschbuden des Internet. Die Schlüsse, die er daraus zieht, sind nicht sonderlich beruhigend.

Wer Zimmer und seine Texte in der ZEIT kennt, den wundert es nicht, dass auch diese Untersuchung luzide geschrieben ist. Und wem das landläufig Gesprochene, Geschriebene nicht Jacke wie Hose ist, dem sei sie dringend empfohlen.