Auf die hitzigen Wochen des Wahlkampfes folgt im Libanon nun die Ernüchterung. Denn gewonnen hat eine Allianz, die ohne konkrete politische Ziele angetreten war. Was von dem Bündnis des jungen Sunniten Saad Hariri und des Drusenführers Walid Dschumblatt zu erwarten ist, dem sich auch mehrere christliche Politiker angeschlossen hatten, ist deshalb völlig offen.

Im Wahlkampf hatte die Hariri-Allianz ihre anti-syrische Haltung in den Vordergrund gestellt. Doch als Programm für die Zukunft des Landes, das von Korruption geplagt und dessen Bevölkerung durch mehrere Sprengstoffattentate in den vergangenen Monaten verunsichert ist, reicht das nach Ansicht politischer Beobachter in Beirut nicht. Denn die syrischen Geheimdienstmitarbeiter und Soldaten sind schon seit Ende April weg. Und noch ist nicht klar, wie die neue Regierung mit den legalen und illegalen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Syrien und Libanon umgehen will, die während der 29-jährigen syrischen Truppenpräsenz gewachsen sind.

Der erst nach dem Abzug der Syrer aus dem Pariser Exil zurückgekehrte Christen-General Michel Aoun mag sich zwar im Wahlkampf mit pro-syrischen Kräften aus der abgehalfterten letzten Regierung von Damaskus Gnaden verbündet haben. Auch gefiel sich der Kommandeur aus Bürgerkriegstagen in der Rolle des Gift versprühenden Agitators. Doch Aoun trat wenigstens mit konkreten politischen Ideen und einem anti-konfessionellen Programm auf.

Während die Hariri-Dschumblatt-Allianz ihren Sieg feierte, zeigte sich Aouns Verbündeter Suleiman Frandschieh als schlechter Verlierer. Er bezichtigte das gegnerische Lager des Stimmenkaufs - ein bei libanesischen Wahlen nicht unbekanntes Phänomen - und behauptete: "Selbst wenn wir verloren haben, sind wir die wahren Vertreter der christlichen Gebiete im Nordlibanon." Das passt nicht wirklich zu Aouns Programm. Dieser hatte immer wieder betont, er trete nicht als maronitischer Christ an, sondern als Libanese.

Gut kamen derartige Slogans bei einigen der jungen Libanesen an, die im Frühjahr nach dem Mord an Saad Hariris Vater, Ex-Regierungschef Rafik Hariri, durch große Protestaktionen den Abzug der Syrer beschleunigt hatten. Es reichte aber nicht zum Wahlsieg für den General, denn sein Bündnis mit den pro-syrischen Kräften, schreckte die ehemaligen Demonstranten ab.

Auch passt der anti-konfessionelle Ansatz schlecht in das derzeitige Klima. "Es ist schrecklich mitanzusehen, wie die Menschen jetzt, wo die Syrer weg sind, wieder alles durch die konfessionelle Brille sehen", klagt eine im Ausland lebende Libanesin auf Heimatbesuch. Auch die libanesische Zeitung Daily Star zog an diesem Montag nach der Wahl eine bittere Bilanz: "Leider war die politische Einheit (wie bei den anti-syrischen Demonstrationen des "Beiruter Frühlings") nur kurzlebig und wurde schnell durch einen Kuhhandel zwischen den einzelnen Fraktionen ersetzt, bei dem es eher um das nackte Eigeninteresse geht als um nationale Interessen."