Sachbuch Polen und Deutsche: Zwischen neuer Normalität und alten Klischees
Der Status der Bundesrepublik beruhte, wie Anna Wolff-Poweska schreibt, auf der Grundidee, nicht nur Sicherheit für sie zu schaffen, sondern auch Sicherheit vor Deutschland. Den Gedanken denken wir nicht mehr oft, es ist aber gut, von der polnischen Historikerin, Mitherausgeberin dieses Bandes , daran erinnert zu werden, was alles in den vergangenen Jahren wieder aufgewirbelt worden ist.
Auch andere Polen zeigten sich während der Irak-Krise irritiert, dass die Deutschen, wie sie meinten, unvermittelt die Quelle ihres Erfolgs, die transatlantischen Beziehungen, infrage stellten. Das wiederum löste prompt Bedenken aus, ob man diesem Nachbarn überhaupt über den Weg trauen könne. Auch wer der polnischen Seite im Irak-Konflikt vorhielt, sich in Washington angebiedert zu haben mit einem bedingungslosen Ja, wird Rückfragen an sich herankommen lassen müssen.
Bevor man aber von einer Krise spricht: Dieses Buch über Polen und Deutsche 1998–2004 ist letztlich ein versammelter Widerspruch gegen die Annahme, die Nachbarn fielen auf das Ausgangsjahr 1989 oder gar dahinter zurück. Inzwischen haben sich die Beziehungen im Alltag, das wird in vielen Facetten von der Wirtschaft über den Tourismus bis zu den lokalen Initiativen gezeigt, dermaßen eigependelt, dass man sich auch nicht ins Bockshorn jagen lassen darf. Ein Jahr nach dem Beitritt Polens zur EU lässt sich sagen: Meinungsunterschiede zwischen Polen und Deutsche über das Zentrum gegen Vertreibung, über Amerika und den Irak oder die Restitutionsansprüche der Deutschen gehören auch zur Normalität der neuen Nähe. Auch wenn man die Enttäuschungen verstehen kann, die in dem vielzitierten Seufzer Janusz Reiters mündeten: »Die Deutschen verstehen die Polen nicht mehr, und die Polen vertrauen den Deutschen nicht mehr.« Davon handeln die Essays dieses Bandes. Es ist die Arbeit des Deutschen Polen-Instituts, es sind die Verdienste einer kleinen engagierten Elite, die im Grunde das Vertrauen vermitteln, dass ein wirklicher Rückfall verhindert werden kann.
Skeptischer wiederum stimmt etwas anderes, was gleichfalls in diesen Aufsätzen durchscheint: Generell, das zeigen alle Untersuchungen über die Rolle von Stereotypen und Mythen in der gegenseitigen Wahrnehmung, herrscht in der Bundesrepublik ein spürbar negativeres Bild vom Nachbarn vor als in Polen. Auf der anderen Seite wissen die Polen mehr über uns, Deutschland wird als »modernes« Land betrachtet, während für einen auffallend großen Teil junger Leute in der Bundesrepublik Polen ein »schwarzes Loch« bildet. Natürlich beherrschen auch weiterhin Stereotype in Polen die Köpfe, vor allem das vom deutschen Hegemoniestreben. Was aber wirklich fassungslos macht bei der Lektüre, ist das, was man im Spiegel sieht: Wie nämlich bei uns über alle Generationen hinweg Ressentiments und Klischees zäh am Leben bleiben. Es ist nicht nur der schräge Blick auf die »slawischen« Nachbarn, der konserviert wird. Bis in die siebziger Jahre galt Polen als »Vertreiberstaat«, erst dann wurde allmählich anerkannt, dass die Nachbarn Opfer der Hitler-Herrschaft waren. Sowohl die Debatte um das Zentrum als auch die Flut der Vertreibungsliteratur in den letzten Jahren hat solche Rückwärtstendenzen eher wieder bestätigt.
Mit den »Fallen der ›Normalität‹« befasst sich Dieter Bingen, der Leiter des Darmstädter Polen-Instituts. Seine begründete Sorge: Es könne »zu einer neuen dauerhaften Teilung des Kontinents« kommen, wenn die Staaten innerhalb der EU die Union mit Europa verwechselten und auf eine neue Ostpolitik verzichteten. Aus Bingens Sicht hat die deutsche Politik den möglichen Beitrag Polens – und auch seine Kompetenz – hier unterschätzt, ein Urteil, das während der orangefarbenen Revolution in Kiew glänzend bestätigt wurde. An der Zeit wäre es, Polens Rolle als stabilisierender Faktor für das neue Europa anzuerkennen, gerade im Blick auf die Nachbarn des Nachbarn. Adam Krzemiński gräbt den Stollen in die andere Richtung, aber von einem ähnlichen Gedanken inspiriert: Bei allem »historischen Sentiment für Amerika und historischen Mißtrauen zu Europa« sei Polen nun – ähnlich wie Deutschland – in der Mitte Europas gelandet, und in diesem Zentrum falle seinem Land die Aufgabe zu, Deutschland mit »Freundschaft und Kooperation« für die europäische Sache zu zügeln und nicht zu isolieren, mit anderen Worten: zu einer Europäisierung des historischen Gedächtnisses und einer Europäisierung Deutschlands beizutragen.
Wie generös solche Annäherungen sind angesichts der anhaltenden Asymmetrie, muss man kaum hinzufügen. Anna Wolff-Poweska und Dieter Bingen haben mit diesem Buch den besten Beweis geliefert, dass Polen und Deutsche gut beraten wären, auf ihre kleine gemeinsame Elite mehr zu hören als auf diejenigen, die – heimlich oder offen – nur national-polnische oder deutsch-nationale Gespenster wiederbeleben.
- Datum 16.05.2008 - 05:03 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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