Wenn es je einen Kentauren in der Musik gab, eine Einheit von Instrument und Spieler, dann war das Siegfried Palm - der Mann und sein Cello, beide etwa gleich groß, ähnlich rundlich und ähnlich sonor. Er ist untrennbar mit dem Goldenen Zeitalter der Neuen Musik verbunden, als diese noch ganz Aufbruch und Ausbruch war, jedes Konzert ein Ereignis, jede Plattenneuerscheinung eine Aufregung. Damals schrieben die Komponisten nicht für ein Instrument, sondern für einen ganz bestimmten Interpreten, denn weit und breit gab es niemand anderen, der das Stück hätte spielen können.

Palm war einer der Ersten, der das Griffbrett nicht nur rauf- und runtergaloppierte, sondern auch kreuz und quer, einer, der zugleich zupfen, streichen und scharren konnte. Und dabei auch den großen, runden Ton der Romantik beherrschte, der als Gegenpol zum Geräusch doch grundlegend ist. Das prädestinierte ihn zum Widmungsträger vieler Stücke, darunter so legendenumwobenen wie György Ligetis Violoncellokonzert, Krzysztof Pendereckis Sonate für Cello und Orchester oder Bernd Alois Zimmermanns Sonate für Cello allein.

Seine Publikumserfolge hatte Palm mit Werken von Penderecki. Beide waren sie begeisterte Esser (entsprechend rund), beide Anhänger einer Barttracht, die unter Connaisseuren Moosrahmen genannt wurde (als Palms Frau sich gegen diese Haartracht aussprach, gründete sich in Windeseile ein Komitee zur Erhaltung des Bartes von Siegfried Palm - mit anhaltendem Erfolg).

Anderthalb Jahrzehnte, von Anfang der Sechziger bis Mitte der Siebziger, währte die Phase als Cello-Heroe, dann wurde er auf repräsentative Posten berufen, zum Direktor der Kölner Musikhochschule und anschließend zum Intendanten der Deutschen Oper Berlin. Am 6. Juni ist Siegfried Palm 79-jährig gestorben. Seine maßstabsetzenden Einspielungen werden bleiben, und seine Bühnenpräsenz wird vermisst werden. Ein kurz vor seinem Tode erschienenes Gesprächsbuch macht deutlich, was für einen emphatischen Zeitgenossen die Musik mit Palm verloren hat.

Große Interpreten Neuer Musik: Siegfried Palm

mit Werken von Ligeti, Penderecki, Webern, Hindemith, Zimmermann, Wergo 286 036-2

Michael Schmidt (Hg): Capriccio für Siegfried Palm - Ein Gesprächsporträt ConBrio Verlag, Regensburg 2005 - 198 S., 14,80 e