Die Sache wird teuer. Mindestens 700 Millionen Euro, so heißt es, will sich Bundesinnenminister Otto Schily die neuen Reisepässe kosten lassen, die er vom Herbst an ausgeben will. Vorausgesetzt natürlich, er ist nach den Wahlen noch im Amt. Die Pässe werden erstmals mit Funkchips (RFID) versehen. Zudem kommen biometrische Verfahren zum Einsatz. Die sollen mehr Sicherheit vor Fälschungen und Missbrauch bringen. Die Kosten dafür hat das Büro für Technikfolgeabschätzung des Bundestages errechnet. Schily selbst bestätigt die Summe nicht. Fest steht nur, dass er sich auf jeden Fall 59Euro pro Pass von jedem Bürger zurückholen will.

Selbst für Kinder werden 37 Euro fällig. Und das, obwohl ihr Ausweis schon nach fünf statt nach zehn Jahren abläuft. Der Grund dafür: Weil sich die Gesichter der Kleinen sehr schnell verändern, fordern sie die Technik besonders heraus. Die Biometrie ermöglicht den automatischen Abgleich von Gesichtsmerkmalen per Computer. Ändern die sich aber – wie bei Kindern – kontinuierlich, so versagt das Verfahren irgendwann.

Dass die verfügbare Software auch aus anderen Gründen problematisch ist, darauf verweisen Datenschützer verstärkt, seit es der deutsche Innenminister mit seinem Projekt so eilig hat. In einem gemeinsamen Papier erklären sie, dass "mit der Ausgabe von elektronisch lesbaren biometrischen Ausweisdokumenten erst begonnen werden kann, wenn die technische Reife, der Datenschutz und die technische und organisatorische Sicherheit der vorgesehenen Verfahren gewährleistet sind". Diese Voraussetzungen seien bisher nicht gegeben.

Insbesondere stört die Datenschützer, dass die Einführung des Passes vom Europäischen Rat einfach verordnet wurde. Und das gegen den Willen des Europäischen Parlaments und der nationalen Gesetzgeber. Der ursprüngliche Wunsch nach Biometrie in den Pässen aber ging von den Vereinigten Staaten aus.

Schily hört die Kritik gar nicht gern. Richtig Ärger mit ihm bekam Peter Schaar, der Bundesdatenschutzbeauftragte. Er hatte ein Moratorium gefordert und war vom Innenminister daraufhin der Kompetenzüberschreitung bezichtigt worden. Ein ungewöhnlicher Vorgang.

Härter noch traf es Andreas Pfitzmann, Informatikprofessor an der Technischen Universität Dresden. Der international anerkannte Fachmann sollte auf dem jährlichen Kongress des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) Mitte Mai einen Vortrag zur Biometrie halten. Nachdem er sein Manuskript eingereicht hatte, wurde er wieder ausgeladen, weil ein anderer Vortrag angeblich wichtiger war. Das BSI ist dem Innenminister unterstellt. Gerüchte, dass dessen Vertraute im Hintergrund die Fäden zogen, halten sich bis heute. Offiziell aber war die Ausladung des unabhängigen Experten allein die Entscheidung von BSI-Präsident Udo Helmbrecht.

Pfitzmann ist davon überzeugt, dass biometrische Verfahren "sowohl, was ihre kurz- und langfristige Sicherheit angeht, als auch im Hinblick auf ihre Nebenwirkungen bei weitem nicht so untersucht und stabil sind, dass ein massenhafter, flächendeckender Einsatz verantwortbar erscheint". Insbesondere warnt er davor, dass sich die Menschen künftig möglicherweise "in der physischen Welt nicht mehr bewegen können, ohne mit jedem einzelnen Schritt personenbezogene und auswertbare Spuren zu hinterlassen".

Eine ganz andere Reaktion kommt aus den Reihen der Wirtschaft. Die begrüßt die staatliche Initiative: "Deutschland nimmt bei der Einführung des elektronischen Reisepasses weltweit eine Vorreiterrolle ein", heißt es in einer Pressemeldung des Chipproduzenten Infineon. Der Konzern ist einer der beiden Lieferanten. Und der Industrieverband Bitkom kündigte bereits an: "Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung einer international wettbewerbsfähigen Sicherheitsindustrie im Bereich Biometrie."