Berlin Die SPD verliert die Macht. Das ist Demokratie. Aber man könnte es auch für eine Form politischen Wahnsinns halten, was sich derzeit bei den Sozialdemokraten und an der Spitze des Landes abspielt. Der Kanzler hat kapituliert, der Parteichef gesteht seinen Autoritätsverlust, dem Koalitionspartner erklärt man, er sei der falsche gewesen. Dann nehmen sich die Genossen auch noch den Bundespräsidenten vor. Gibt es eine Erklärung für den politischen Niedergang, der seit dem 22. Mai die Sozialdemokratie erfasst hat?

Der 22. Mai selbst jedenfalls, die Niederlage im Stammland NRW, reicht als Erklärung kaum aus. Sie war absehbar. Allenfalls hat der Wahlschock die Schleusen geöffnet. Der Kanzler hatte keine Lust mehr? Vielleicht keine Kraft? Mag sein. Nur, dass ihm ein so sturer, nüchterner Mann wie Franz Müntefering freiwillig in den Untergang folgen würde, das glaubt man nicht. Erst recht nicht, dass der zähe, geduldige SPD-Vorsitzende seine Partei vor die Hunde gehen ließe, nur weil mit Gerhard Schröder nun auch der letzte Enkel aufgibt. Natürlich kursiert jetzt wieder die Generationentheorie. Bloß: Müntefering ist kein Enkel. Warum ging er den Weg in die Neuwahlen mit? Das hat Gründe, die weiter zurückliegen als der 22. Mai und tiefer gehen als Hartz IV.

Es heißt, Oskar Lafontaine sei der einzige Vorsitzende seit Willy Brandt gewesen, der seine Partei begeistert und wirklich Autorität innerhalb der SPD gehabt habe. Bis er, im März 1999, aus all seinen Ämtern flüchtete. Es war die erste große Krise der rot-grünen Regierung. Dass der einstige Liebling der Partei nun mit Leidenschaft an ihrem Niedergang mitwirkt, ist für die SPD eine Tragödie, selbst wenn Lafontaines neue Plattform keinen Erfolg hat. Man könnte das als letzten Höhepunkt und endgültigen Abgang der Brandtschen Enkel ansehen. Schröders Kapitulation und Lafontaines Rache als letzte Auftritte einer hoch talentierten Generation, die an ihren leichtfertigen, selbstzerstörerischen Zügen scheitern musste.

Trotzdem ist das Scheitern der SPD kein Generationenproblem. Dafür sind die Parallelen zwischen dem Niedergang der Regierung Schröder und dem Ende der Amtszeit seines Vorgängers Helmut Schmidt zu deutlich. Auch Schmidts Kanzlerschaft endete vorzeitig, und auch damals ging dem Machtverlust eine Phase zermürbender Konflikte zwischen Kanzler und Partei voraus. Und offenbar war Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre die Frustration über die SPD-geführte Regierung so groß, dass sie als Potenzial für eine neue Partei dienen konnte. Damals waren es die Grünen, die die Blindstellen der regierenden SPD für sich nutzen konnten. Frieden, Ökologie, Atomprotest hießen einst die Themen. Und nun will Lafontaines gesamtdeutsche Linkspartei die SPD unter Druck setzen. Etwas in der Tiefenschicht dieser Partei muss solche typischen Ausgänge provozieren, die Phase der Zersetzung, eine plötzliche Implosion und die neue Konkurrenz.

Die SPD regiert nicht gern. Man merkt das, wenn man nach den identitätsstiftenden Erfolgen in den Zeiten der Macht fragt. Betrachtet man die Ära Schröder, gibt es kein Projekt, das dereinst zweifelsfrei seinen Platz im kollektiven Gedächtnis der SPD finden wird. Allenfalls der Widerstand gegen den Irak-Krieg wird in die sozialdemokratische Erzählung aufgenommen werden. Demgegenüber ist all das, was einmal für die Republik als Verdienst der Kanzlerschaft Schröders haften bleiben wird, in der sozialdemokratischen Perspektive umstritten, umkämpft, kaum gewollt.

Die Übernahme internationaler Verantwortung, notfalls auch mit militärischen Mitteln, darüber wird in der SPD zwar nicht mehr gestritten. Aber als ein Verdienst der eigenen Regierung wird die Ausweitung des internationalen Engagements, die trotz schwieriger Debatten durchgesetzt wurde, in der Partei bis heute nicht gesehen. Ebenso wenig wie die spät begonnenen Reformen am Arbeitsmarkt. Gut möglich, dass Hartz IV einmal als Beginn einer Erneuerung des Sozialsystems, als Katalysator eines notwendigen Mentalitätswandels in Erinnerung bleiben wird. Weder die Union noch die Grünen werden das künftig ernstlich bezweifeln. Nur die SPD wird sich schwer damit tun, die Agenda, der sie contre cœur folgen musste, als eine ihrer herausragenden Regierungsleistungen wertzuschätzen. Mit Unbehagen regiert die Partei in schwierigen Lagen. Es staut sich auf, wird mit Disziplin und Autorität eingedämmt. Irgendwann bricht es heraus. Das Signal kommt von oben, vom Kanzler selbst.