Seit seinem Tod vor 25 Jahren ist die Rezeptionsgeschichte Jean-Paul Sartres extrem unterschiedlich verlaufen. Die Zeremonie des Abschieds (Simone de Beauvoir) begann mit einem spektakulären Begräbnis: 50.000 Menschen begleiteten den Sarg auf dem Weg zum Friedhof von Montparnasse, mehr als jemals zuvor einen Philosophen zu Grabe getragen haben, mehr auch als beim Begräbnis Henri Bergsons und selbst Ludwig Feuerbachs. Danach freilich wurde es still und stiller um Sartre. Vom poststrukturalistischen, postmodernen, dekonstruktivistischen Paris wurde er demontiert, manchmal geradezu verachtet – Revanche für die jahrzehntelange Dominanz einer Jahrhundertfigur. Zwei Jahre nach Sartres Tod fragte sich Jacques Derrida: "Was für eine Gesellschaft muss die unsrige sein, damit so ein Mann … derart die kulturelle Szene beherrschen und sogar zu einer Berühmtheit werden kann?"

Verantwortung ist eine Zumutung wie der Zwang zu entscheiden

Doch dann ein erneuter Stimmungsumschwung. Zu Beginn des neuen Jahrtausends grassiert eine förmliche "Sartromanie" in Paris. Buch um Buch über Sartre erscheint. Das Wichtigste, in jedem Sinn Schwergewichtigste ist das des vormals Sartre-kritischen "neuen Philosophen" Bernard-Henry Lévy über das Jahrhundert Sartres . Es beschreibt die Irrungen und Wirrungen, die Brüche und Widersprüche eines "absoluten Intellektuellen". Mehr noch aber feiert es "den Philosophen des 20. Jahrhunderts", ja, "den Jahrhundert-Menschen" par excellence, den "Champion des Antitotalitarismus" – jenen Sartre, von dem Lévy zeigen will, "dass er die Freiheit selbst" war. Enthusiastischer, beredter, zugleich kenntnisreicher als Lévy, der wegen seines lärmenden humanistischen Pathos und seiner Redundanzen schnell unterschätzt wird, konnte man die Wiedereinsetzung kaum betreiben.

2002 ist Lévys fulminantes Buch auf Deutsch erschienen – mit der angemessenen Resonanz. Und im Sartre-Jahr 2005 mit dem 100. Geburtstag am 21. Juni kann man mit einem weiter ansteigenden Interesse rechnen. Die Schiller-Biografie von Rüdiger Safranski hat Sartre schon die Reverenz erwiesen, indem sie den Freiheitsdichter und -philosophen Schiller als "einen Sartre des späten 18. Jahrhunderts" feierte. Mit größerem Recht allerdings hätte Fichte diesen Ehrentitel verdient, weil bei Schiller die Freiheit naiv oder sentimentalisch noch an die Natur gebunden bleibt. Fichte und Sartre eröffnen den Handlungsraum der beiden radikalsten Freiheitsphilosophien der Moderne.

Und nun das Sartre-Buch von Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor für Politische Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München, mit dem etwas modischen Untertitel Philosophie als Lebensform. Es versucht, biografische Momente und Werkanalyse für eine Aktualisierung Sartres zu nutzen. In sieben Kapiteln, die auf eine strenge Ordnung verzichten, umkreist das Buch essayistisch die spannungsvollen Konstellationen von Sartres Philosophie der Freiheit.

Den Bezugsrahmen bildet eine Theorie des gegenwärtigen Zeitalters als Epoche der Individualisierung, in der nach der Auflösung aller traditionell, konventionell oder normativ vorgegebenen, lokal determinierten Lebensläufe nur noch sich wandelnde Selbstentwürfe möglich sind. Eine sich selbst bestimmende Freiheit, der nach der paradoxen Einsicht Sartres niemand entgehen kann; umfassende Verantwortung für eine ganze Welt, insofern diese im Widerspruch zu Wittgenstein nicht "der Fall", sondern meine Wahl ist, mein Entwurf und das von mir Verworfene; ein tendenziell schrankenloses Engagement, aber auch die Möglichkeit des Degagements, die allerdings erst einmal wieder zu wählen wäre, provozieren eine Reflexion, die ebenso unabschließbar wie unabdinglich ist: Philosophie eben als Lebensform.

So weit mag man dem Autor gern folgen, auch wenn er mit der Proklamierung Sartres als Philosoph der Individualisierung seine Ontologie der Existenz aktualisierend verkürzt. Nicht neu, aber verdienstlich: Schönherr-Mann sieht in Sartre den Philosophen der Verantwortung als anderer Seite der Freiheit. Das Buch leidet indessen unter einer beträchtlichen Langatmigkeit, die auch das Triviale nicht scheut, und endlosen Wiederholungen. Mit seinen gerade einmal 166 Seiten ist es doch ziemlich lang geraten. Ich habe nicht gezählt, wie oft beispielsweise Nietzsches "Gott ist tot" als Inauguration einer normativ nicht mehr gebundenen Moderne bemüht wird. Die Theorie der "zweiten Moderne" ist bei Ulrich Beck prägnanter zu lesen. Zahllose sprachliche Salopperien, durchweg selbstkritisch "unangedacht", dienen dem Leser "nun mal" nicht immer zur Freude, der in Sartre vorab einen großen Schriftsteller kennen gelernt hat. Um die Präzision und Trennschärfe der Begriffe steht es öfter schlecht. Hanebüchen geradezu die Verballhornung der Freudschen Psychoanalyse. Um sie als Lehre eines rigorosen Determinismus missverstehen zu können, muss man schon Freuds ganze Ich-Psychologie beiseite lassen.

Allerdings, auf dem Hintergrund der Hochkonjunktur der Neuro-, der Life-Sciences mit ihren Entlastungsprogrammen von den Zumutungen der Verantwortung und den unhintergehbaren Wahlzwängen der Entscheidung, die man nach der triftigen Analyse des Autors gerade da am meisten bekräftigt, wo man ihrer ledig zu werden versucht, behält dieses Plädoyer für die Philosophie als Lebensform und die komplexen Wege der Freiheit ihr Recht. Für das prekäre Verhältnis zwischen der Individualisierung und der Globalisierung der Verantwortung hat Schönherr-Mann ein prägnantes Bild gefunden: "Spannt sich einerseits meine Verantwortung um den Erdball, so kehrt sie … auch zu dem Ort zurück, wo ich bin." Zu dem Ort Sartres.