Der freilich ist nicht eben einfach zu bestimmen. Zumindest moralisch nicht. Die "moralischen Perspektiven", die der Schluss von Das Sein und das Nichts eröffnet, münden zwar in die Ankündigung, ihnen werde "unser nächstes Buch" gewidmet sein. Gemeint sind jene Cahiers pour une morale, die Sartre wohl zwischen Frühjahr 1947 und Herbst 1948 niedergeschrieben hat. 1983 sind sie von Sartres Adoptivtochter Arlette Elkaïm-Sartre postum herausgegeben worden. Hans Schöneberg und Vincent von Wroblewsky legen sie jetzt als "Entwürfe", nicht als die schlichteren "Hefte" oder "Aufzeichnungen" in einer deutschen Übersetzung vor, die das große Übersetzungswerk Traugott Königs fortsetzt. Aber die Kaskade von Fragen, mit der Das Sein und das Nichts endet, deutet schon auf die enormen Schwierigkeiten des neuen Projektes hin. Der Konflikt zwischen Ontologie und Moral, Seins- und Sollenslehre, Indikativen und moralischen Imperativen, den Sartre aufreißt, war nur schwer, wenn überhaupt, zu schlichten.

Vermutlich deswegen sind die Cahiers Fragment geblieben, werkgeschichtlich ein Übergangswerk zwischen Das Sein und das Nichts, dem Sartre in seinem populären Essay Der Existentialismus ist ein Humanismus eine humanere Lesart gegeben hatte, und der Kritik der dialektischen Vernunft. Die radikale Freiheit des Für-sich ließ keine präskriptive Moral, seine Unvertretbarkeit keine Normierung durch Normorientierung zu. Und wie ließe sich von verbindlichen Werten sprechen, wenn auch Werte Entwürfe sind, wie von moralischer "Verantwortlichkeit", wenn das "Für-Andere-sein" durch den Kampf der Bewusstseine, den "bösen Blick" und den Absturz in die Hölle verdinglichten "An-sich-Seins" bestimmt ist?

Das radikale Freiheitsversprechen der philosophischen Moderne

Sartres Proklamation des Engagements und sein Ruf als engagierter Denker suggerieren hier eindeutigere Verhältnisse, als sie philosophisch gegeben sind. Ist seine unvergleichliche öffentliche Wirkung stark durch die "Appellstruktur" von Person und Werk bestimmt, so verweist er doch den Einzelnen, der womöglich nach Orientierungshilfe verlangt, mit gnadenloser Konsequenz auf das ganze Ausmaß seiner Freiheit.

Allerdings schafft gerade das jenen Raum, in dem sich der Wert als das "Ermangelte" enthüllt. Und das "Für-sich" stößt nicht nur auf anderes antagonistisches Bewusstsein, sondern auf die Geschichte als Grenze, Bedingung, Triebkraft und Ziel der Freiheit. Als Raum des "Anderen" erhält der konstitutiv leere Raum der Freiheit Konturen. Die Entwürfe für eine Moralphilosophie kreisen immer wieder um das Verhältnis von Geschichte, "Alterität" und Freiheit, am konkretesten in einem umfänglichen Angang zur Unterdrückung der Schwarzen während der Sklaverei in den USA.

Leser, deren böser Blick auf Sartre durch die Perspektive einer sich auf Rimbauds "Ich ist ein Anderer" berufenden Dekonstruktion geprägt ist, werden mit einiger Verblüffung zur Kenntnis nehmen, welche Bedeutung "Pluralität" und "Alterität" bei ihm gewinnen. Versteht man die Entwürfe indessen als Versuch, das radikale Freiheitsversprechen der philosophischen Moderne mit ihrem anspruchsvollsten Verantwortungsbegriff zu verbinden, so ist das nur konsequent.