Die Anziehungskraft, die in den fünfziger Jahren auf Schüler und Studenten von dem Namen Jean-Paul Sartre ausging, ist heute nicht mehr leicht nachzuvollziehen. Gemeinsam mit Camus galt er als Denker der Résistance, der eine Philosophie der Freiheit entworfen hatte, wonach der Mensch noch in der tiefsten Knechtschaft ein freies Wesen war, das über sich bestimmen konnte. Die Umstände mochten noch so bedrückend und beengend sein – es kam einzig darauf an, was er aus diesen Umständen machte.

Das war eine Philosophie, die nicht der "verlorenen Zeit" nachhing (Sartre lesend, war man Anti-Proustianer), sondern den Menschen als Projekt entwarf. Eine Philosophie, die Handlungsspielräume eröffnete und dazu aufzufordern schien, sich nicht von einer Gesellschaft ersticken zu lassen, die wie die der Bundesrepublik der fünfziger Jahre außer den Imperativen des Wiederaufbaus wenig zu bieten hatte.

Vielleicht mehr noch als seine Philosophie, die wir unzureichend kannten, bewunderten wir damals den engagierten Intellektuellen, den "eingebürgerten Schriftsteller" (Robert Minder), der die Tradition der französischen Aufklärung aufnahm und seine Stimme erhob gegen Unrecht und Unterdrückung, einzig der Macht des Wortes vertrauend. Sartre – das war die Aura des Namens, die uns zu seinen Schriften greifen ließ.

Seit Rousseau hat niemand sein Ich derart mitleidslos beobachtet

Wir lasen den Ekel als modernen Roman, der die Form des Tagebuchs nutzte, um den Alltag in seiner Beliebigkeit zu zeigen, ohne zweifelhafte Sinnbesetzungen. Wir lasen Sartres literaturkritische und philosophische Essays aus den dreißiger Jahren, die uns davon überzeugten, dass der allwissende Erzähler endgültig der Vergangenheit angehörte, nahm er doch die unverfügbare Perspektive Gottes ein. Genüsslich zitierten wir den Schlusssatz des Mauriac-Essays: "Gott ist kein Künstler; Herr Mauriac auch nicht." Wir lasen Sartres Husserl-Essay, der in seiner Knappheit fast ein philosophisches Manifest darstellt, und begeisterten uns für einen Begriff des Bewusstseins, der dieses nicht als einen Hohlraum auffasste, sondern als Bewegung auf die Welt zu. Und schließlich erfreuten wir uns an Sartres Polemik gegen die Innerlichkeit. Vielleicht waren wir ja im Recht, wenn wir keinen Gefallen fanden an Rilkes Duineser Elegien und uns dessen Wort "Alles war Auftrag" von zweifelhafter Unbestimmtheit zu sein schien.

Wir bewunderten die Rationalität von Sartres Sprache, in der wir nach und nach die vielfältigen Bezüge zur französischen Tradition von Pascal bis Gide zu entziffern lernten. Und wir bewunderten den Polemiker, der seinen Gegner mit einer einzigen Pointe zu vernichten verstand. "Es kommt einzig darauf an, seinen Stil zu finden, die Idee kommt später", hatte Giraudoux geschrieben; Sartre kommentierte: "Er hatte sich getäuscht: die Idee kam nicht."

Und heute? Die gern gestellte Frage: "Was bleibt von Sartre?" verrät ein gegenwärtig wohl nicht mehr umstandslos aufzubringendes Vertrauen in die Fortdauer unserer Kultur und sollte daher durch die bescheidenere ersetzt werden: Wie lässt sich heute ein Zugang zu Sartre finden?

Sicherlich immer noch durch die erwähnten Texte; hinzu kommen die später verfassten autobiografischen Schriften, Die Wörter, die Essays über seine Freunde Merleau-Ponty und Nizan und die aus dem Nachlass veröffentlichten Kriegstagebücher. Diese geben nicht nur einen lebendigen Eindruck in das Entstehen seines Denkens, das sich dem Zusammentreffen von Kriegserleben und Heidegger-Lektüre verdankt; sie zeigen auch bereits jene eigentümliche Fähigkeit, das eigene Ich ohne die mindeste Empathie darzustellen, die 25 Jahre später Die Wörter zum gelungensten conte philosophique der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts gemacht hat. Seit Rousseaus Bekenntnissen haben Enthüllung und Selbstbezichtigung im autobiografischen Schreiben ihre Stelle, aber es gibt wohl kaum einen Schriftsteller, der wie Sartre das eigene Ich so konsequent und erbarmungslos von außen betrachtet. Das gibt seinen autobiografischen Schriften ihren unverwechselbaren Stil, denn noch dort, wo er formal die Innenperspektive einnimmt, ist diese durch die Kälte des beobachtenden Blicks geprägt.