FERNSEHENFrau gegen Frau

Die härtesten TV-Duelle ihres Lebens trug Alice Schwarzer mit Frauen aus: 1975 mit Esther Vilar, 2001 mit Verona Feldbusch. Der Vergleich zeigt, wie der Feminismus im Fernsehen siegte und verlor von Klaudia Brunst

Juni 2001. "Die Flügeltür fliegt auf, wir betreten das Studio. Vor laufender Kamera. Doch erst müssen wir eine Treppe runter, auf der man nicht nebeneinander gehen kann. Nein, um den Vortritt mag ich mich nun wirklich nicht mit ihr streiten. Ich mache eine höfliche Handbewegung – und sie stöckelt los. Unter dem Gejohle des Publikums. Ganz schön naiv von mir, nicht bedacht zu haben, dass im Publikum eine gezielt platzierte Feldbusch-Clique sitzt, die in der kommenden Stunde den Ton angeben wird. Wo bin ich nur gelandet?" So Alice Schwarzer über ihr Fernsehduell mit Verona Feldbusch.

26 Jahre zuvor. Eine Brandschutztür fliegt auf. Eine junge Frau betritt das Fernsehstudio. Vor laufender Kamera. Eine Stimme ruft halb erleichtert, halb vorwurfsvoll: "Alice!" – "Ja, Entschuldigung", entgegnet die mit leicht aufgebrachter Stimme. "Ich habe mich an die Spielregeln gehalten." Sie sagt das so, als habe sich schon jetzt, noch vor dem offiziellen Beginn der Aufzeichnung, jemand nicht an die Spielregeln gehalten. "Ich werde hier angemault…" Alice Schwarzer ist sichtlich verärgert. Offenbar hat sie sich unverschuldet verspätet. Vielleicht hatte sie irgendwo an einem verabredeten Ort gewartet, um dann gemeinsam mit den anderen ins Studio zu gehen. Aber die anderen sind längst hier. In sicherem Abstand begleitet die Kamera eine ungeduldige Alice Schwarzer auf ihrem Weg quer durch den Raum, hin zu einer hell ausgeleuchteten Sitzgruppe. Dort stehen sie bereits, "die anderen": Frau Kraemer, die Redakteurin der Sendung; sie war es, die eben so vertraut "Alice!" gerufen hat. Alice Schwarzer begrüßt sie nur en passant: "Sie kenn ich ja schon, Frau Kraemer", um sich gleich Esther Vilar zuzuwenden: "Sie kenn ich noch nicht… Guten Tag, gut sehen Sie aus!" Das klingt nicht wirklich nach einem Kompliment. Eher wie eine kämpferische Eröffnung.

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"Darf ich mich da hinsetzen?", bittet Alice Schwarzer jetzt ziemlich unmissverständlich um jenen Platz, den sich Esther Vilar gerade ausgesucht hatte. Es ist der, der gleich, von den Kameras aus gesehen, der linke sein wird. Nun legt Schwarzer den dicken Stapel Unterlagen, den sie bislang unter dem Arm trug, wie einen Colt auf den Tisch – was Esther Vilar, die ihre Aktentasche zuvor unsichtbar hinter ihrem Stuhl verstaut hatte, dazu veranlasst, sich nun ebenfalls mit ihren Papieren zu munitionieren. "Wann sollen wir denn anfangen?", fragt Esther Vilar. Von Schwarzers territorialer Machtdemonstration schon sichtbar beeindruckt, sucht sie den Blick der ins Halbdunkel abgetauchten Redakteurin. Aber Frau Kraemer, die Initiatorin der Begegnung, steht bei diesem Streitgespräch längst am Rande. "Wir können, glaube ich, sofort anfangen, Frau Vilar!", holt Schwarzer Vilars Aufmerksamkeit zu sich zurück, noch bevor überhaupt von irgendwoher ein offizielles Signal kommen kann. "Darf ich gleich mal mit meiner ersten Frage anfangen?"

Alice Schwarzer, 2001
"Sie sind nicht nur Sexistin, sondern auch Faschistin"

1975 ist das offizielle "Jahr der Frau". Später erinnert sich Alice Schwarzer: "Im Februar 1975 nahm ich die Einladung der WDR-Frauenredaktion zu einer 45-Minuten-Diskussion mit Esther Vilar an. Zu der Zeit war ich längst nicht mehr bereit, mich den abgewirtschafteten Spielregeln der Männerpresse zu beugen. War mir zuvor noch ein Verriss der Vilar-Bücher überflüssig erschienen – das Niveau dieses Geschreibsels entlarvte sich meiner Meinung nach selbst –, so fand ich es nun, im Jahr der Frau, dringend, diesen Tönen Einhalt zu gebieten. Warum? Weil die zynischen Vilar-Argumente (Die Frauen beuten die Männer aus, liegen den ganzen Tag auf dem Sofa und futtern Pralinen et cetera et cetera) in Büros und Schlafzimmern zu geflügelten Worten in Männermund geworden waren. Viele Frauen waren verletzt, empört, aber eben nur privat. Es galt, öffentlich darauf zu antworten. Das war der Grund, warum ich mich auf die ›Diskussion‹ mit Esther Vilar einließ. Eine Diskussion, von der ich im Vorhinein wusste, dass es keine sein würde." Tatsächlich wirkt die redaktionelle Entscheidung, beide Frauen ohne Moderation in die Fernseh-Arena zu schicken, als erwarte der WDR einen unterhaltsamen Gladiatorenkampf, bei dem sich die Frauen vor den Augen der Kameras gegenseitig bis aufs Blut bekämpfen. Vieles spräche ja auch dafür: Beide Frauen sind aktiv im Geschlechterkampf – freilich auf verschiedenen Seiten.

Seit dem stern- Titel Ich habe abgetrieben, den Alice Schwarzer 1971 nach dem französischen Vorbild des Nouvel Observateur für die deutsche Illustrierte organisiert hat, gilt die Journalistin als Vorkämpferin des Feminismus. Am 6. Juni 1971 hatten sich in der Hamburger Illustrierten insgesamt 374 Frauen zu einer – damals noch illegalen – Abtreibung bekannt. Die publizistische Aktion, an der auch Prominente wie Romy Schneider, Senta Berger, Carola Stern und Sabine Sinjen teilnahmen, hatte eine unerwartet große Wirkung, überall in der Republik bildeten sich Frauengesprächskreise und Paragraf-218-Gruppen. Beinahe über Nacht entstand in Deutschland eine neue Frauenbewegung, und Alice Schwarzer wurde ihre hassgeliebte Galionsfigur.

In den Monaten nach der stern- Story ist die Frankreichkorrespondentin immer häufiger in Deutschland unterwegs, bald zieht Alice Schwarzer ganz von Paris nach Berlin. Ein Angebot von Rudolf Augstein, für sein Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel als Reporterin zu arbeiten, scheitert am Mehrheitsvotum der Spiegel- Redaktion. Diese stört sich womöglich an Schwarzers heikler Gratwanderung, politische Aktionen in Gang zu bringen und gleichzeitig über sie zu berichten. Beim Fernsehmagazin Panorama findet Alice Schwarzer für diese Doppelrolle bald ein anderes prominentes Forum.

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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