Es ist eine Weltpremiere. Lenovo übernimmt das PC-Geschäft von IBM. Ein chinesischer Konzern, dessen Name bis vor kurzem niemand kannte, schluckt Teile eines westlichen Industrie-Giganten. Man stelle sich vor, Mercedes-Benz verkaufte seine Motorenentwicklung an ein chinesisches Unternehmen und begnügte sich ab sofort mit Design und Vertrieb. Aber vielleicht ist ja auch das bald Wirklichkeit.

Yang Yuanqing heißt der schlanke Mann, der der Weltwirtschaft eine neue Vision bietet: China als High-Tech-Land. Seit mehr als zehn Jahren schon steht der 40-Jährige an der Spitze von Lenovo, aus einem kleinen Handelsgeschäft hat er den größten Computerhersteller Asiens geformt. Als Lenovo im Mai für 1,25 Milliarden Dollar die PC-Produktion von IBM übernahm, katapultierte sich der Konzern an die dritte Stelle in der Welt, gleich hinter den Branchenführern Dell und Hewlett-Packard. "Lenovo ist nun kein chinesisches Unternehmen mehr, sondern ein multinationales", sagt Yang stolz, als er erstmals einen Journalisten in sein Pekinger Chefzimmer vorlässt.

Yang trägt ein graues Hemd, um seinen Hals baumelt ein Firmenausweis. Vor dem Bürofenster liegt das alte Peking: Steinhütten und Bretterbuden aus der Mao-Zeit. Yang ist der Vergangenheit entwachsen, ein Technologie- und Organisationsfanatiker, der keine der ihm gesetzten Grenzen akzeptiert. Über Ethik will Yang nicht sprechen: "In der Firma redet man nur über Geschäfte." Mögen sich die Politiker in Peking, Washington und Brüssel mit Handelsregeln für das Textilgeschäft abmühen – China ist für ihn nicht mehr das Land der Seide, sondern eine Art wilder Osten des 21. Jahrhunderts, ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. "Design und Qualität unserer Produkte sind bereits Weltklasse", beschreibt Yang die Lage von Lenovo. "In Zukunft kommt es deshalb auf die Innovation an. Innovation kann teuer oder effizient sein. Unsere Innovation wird effizient sein."

Chinas jüngste Phase der Erneuerung hat viel mit Leuten wie Yang zu tun: Unterhalb der kommunistischen Kaderdecke verändern Manager und Unternehmer, Ingenieure und Architekten, Künstler und Modedesigner das Land. Sie sorgen dafür, dass China längst nicht mehr das ist, was viele im Westen von weitem noch immer wahrnehmen: eine Werkbank für die Welt, betrieben von einer ausbeuterischen Allianz westlicher Kapitalisten und östlicher Kommunisten.

In Wirklichkeit erlebt China eine Erneuerung auf vielen Ebenen. Bei genauem Hinsehen kommen nicht nur Billiglöhne zutage, sondern auch neue Effizienzbegriffe jenseits des kurzfristigen Shareholder-Value. Nicht nur ein turboschneller Markt, sondern auch ein altes Wertesystem mit seinen eigenen Begriffen von Mitmenschlichkeit und Erziehung. Kapitalismus und Konfuzianismus erweisen sich als kompatibel. Zum ersten Mal in der Geschichte entwickelt sich eine riesige Industriegesellschaft, die mit dem Westen – insbesondere mit den USA – auch kulturell konkurrieren kann. Schon gibt es kaum mehr ein internationales Filmfestival, auf dem nicht chinesische Filme zu den Preisträgern zählen.

"Wir sind die Neuen. Wir sind die Zukunft", wirbt Lenovo-Chef Yang in Deutschland mit seinen neuen IBM-Computern aus China. In dem Werbespruch liegt ein Kern Wahrheit. Der Westen läuft Gefahr, am alten Bild des kommunistischen und leicht berechenbaren China festzuhalten, statt sich auf die Sinisierung einzustellen.

Sicher wird das Land auch in Zukunft noch die westlichen Märkte mit Billigprodukten überschwemmen. Aber es wird sich darauf nicht beschränken. Früher lief das so: Die reichen Länder produzierten forschungsintensive Hochtechnologie, die armen Länder beschäftigungsintensive Massenware. Doch jetzt steht die globale Arbeitsteilung erstmals infrage. "Das Besondere an China ist, dass es plötzlich ein riesiges, armes Land gibt, das sowohl mit niedrigen Löhnen als auch im High-Tech-Bereich konkurrieren kann", sagt der Harvard-Ökonom Richard Freeman.

Das bekommt auch John Stolte in Villingen-Schwenningen am Rande des Schwarzwalds zu spüren. Der holländische Ingenieur leitet die deutsche Entwicklungsabteilung des größten Fernsehherstellers der Welt – TCL aus China. Im vergangenen Jahr übernahm TCL die Fernsehsparte des französischen Thompson-Konzerns, stieg damit zur Nummer eins im Weltmarkt auf und erstand nebenbei auch die Forschungsabteilung in Villingen-Schwenningen. Nicht unbedingt zur gegenseitigen Freude. 50 von 150 hoch qualifizierten Kräften in Deutschland mussten das Unternehmen verlassen, weil sich deren Arbeit in China günstiger erledigen lässt. Stolte durfte bleiben, musste sich aber an die Zusammenarbeit mit dem ihm gleichrangigen Leiter der Fernsehforschung im südchinesischen Shenzhen, Forest Luo, gewöhnen. Täglich schreibt er ihm E-Mails, die auf Luos Bildschirm in dem nagelneuen TCL-Hauptquartier in Shenzhen erscheinen.