China Wird die Welt chinesisch?Seite 5/5
Der Mensch als Beherrscher der Natur, diesen Ansatz habe man in China bis weit ins 20. Jahrhundert hinein abgelehnt, sagt Wei. Auch Mao Tse-tung habe auf seine Art und Weise noch den alten ganzheitlichen Ansatz gepflegt. Erst viel später habe sich die westliche Philosophie in China durchgesetzt – und werde nun wieder ein Stück weit zurückgedrängt. »In der totalen Perfektion einer chinesischen Vase liegt etwas Mysteriöses, Unvernünftiges und doch Utopisches, das dem Westen fremd ist«, meint Wei. Plötzlich ist das kulturelle Erbe nicht mehr Last, sondern wieder Schatz.
Zuverlässiger Anzeiger der neuen Sinisierung ist der Erfolg des chinesischen Films. Da zeichnet zum Beispiel der jüngste chinesische Preisträger der Berlinale, Gu Changwei, in seinem Film Peacock das Porträt einer schwierigen Eltern-Kind-Beziehung während der Kulturrevolution. Die Elternliebe und die Kindestreue, im Gegensatz zur romantischen Liebe, sind die moralischen Pfeiler des Konfuzianismus. Sie setzten insbesondere im Hinblick auf die Kindererziehung andere Prioritäten als im Westen, die mit Blick auf Pisa-Tests hochaktuell sind.
Auf ganz andere Art und Weise verwebt die Pekinger Modemacherin Feng Ling Tradition mit Fortschritt. Sie hat gerade das neue Bühnensakko von Rockstar Cui Jian, dem Helden der chinesischen Demokratiebewegung von 1989, entworfen: grünes Leinen mit rotem Seidenfutter im revolutionären Sechziger-Jahre-Stil. Zwar weiß Feng um die Gräuel der Kulturrevolution, aber sie scheut sich nicht, auch diskreditierte Traditionen wieder auszugraben. »Bis vor kurzem waren alle neue Moden importiert und westlich«, sagt Feng. »Heute fragen wir Chinesen: Wie sieht unser eigener Stil aus? Wie können wir all die neuen Sachen aus dem Westen mit unseren eigenen verbinden? Was ist heute chinesisch?« Was immer es ist – es wandert von China aus auch in die Welt.
Chinas Wirtschaftserfolge dürften das, was sich an chinesischer Kultur kommerzialisieren und damit globalisieren lässt, weithin sichtbar machen. »Was uns heute beflügelt, sind Lebendigkeit, Lebenskraft und überschäumende Hoffnungen«, erkennt die junge Pekinger Theaterregisseurin Cao Kefei. Weil ihr der Optimismus daheim zu weit geht, reist Cao hin und wieder nach Deutschland, wo sie zuletzt über die neu entflammte Kapitalismus-Debatte staunte. Cao bewundert den Diskussionseifer der Deutschen. »In China wäre eine solche Debatte undenkbar.« Nur einige Dichter und Maler hinterfragen in China die Globalisierung. Und ihre Thesen sind im Westen populärer als zu Hause. So globalisiert sich China in einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Kritiklosigkeit – und macht die Welt von Tag zu Tag ein Stück chinesischer.
- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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