Schöner neuer Fußball
Die Nationalmannschaft bekommt seit einem Jahr das positive Denken eingetrichtert. Beim Confederations Cup wird sich zeigen, ob diese Strategie erfolgreich ist
Seit knapp einem Jahr führen Jürgen Klinsmann, sein Assistent Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff die Geschäfte bei der deutschen Fußballnationalmannschaft. Im nächsten Jahr wollen sie Weltmeister werden, und der Confederations Cup, bei dem die Deutschen Mittwochabend gegen Australien ihr erstes Spiel bestritten, ist der erste halbwegs ernst zu nehmende sportliche Test für ihr Team. Bislang hat der Wahlkalifornier Klinsmann auf bedingungslose Offensive gesetzt, auf dem Platz, vor allem aber im DFB. Reihenweise hat er langjährige Mitarbeiter zur Seite geräumt, Verbandsstrukturen in seinem Sinne umgebaut oder umgangen und Fußballdeutschland so durcheinander gewirbelt, dass er schon als Vorbild für die ganze lahmende Nation galt. Nun muss er beweisen, dass der ganze Wirbel auch seinen Zweck erfüllt: jeden Gegner in der Welt schlagen zu können.
Mit einer Art rhetorischem Catenaccio haben Klinsmann und seine Getreuen bisher Angriffe auf ihr Projekt abgewehrt. Loben und Lernen – zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die deutsche Mannschaft seit einem Jahr. Seit Monaten verteilt Klinsmann nach jedem Spiel »Riesenkomplimente«, spürt immerzu »enorme Energie«, freut sich über »großartige Entwicklungen«. Kritisches dringt so gut wie nie nach außen, und selbst beim letzten Test vor dem Confederations Cup, einem 2:2 gegen durchschnittliche Russen, wich Jürgen Klinsmann nicht von seiner kalifornischen Technik des positiven Denkens (oder Redens) ab und fand sogar etwas Gutes an dem Ausgleichstor der Russen in letzter Minute: »Diese Erfahrung bringt uns weiter auf dem Weg zu unseren Zielen. Wir lernen daraus, dass wir bis in die letzte Minute hinein hoch konzentriert sein müssen.«
Doch was am Anfang als moralische Aufrüstung nach der traurigen Europameisterschaft bestens geeignet war, Spieler und Öffentlichkeit positiv zu stimmen, passt nicht mehr. Jetzt muss die Strategie aufgehen. Jetzt geht es nicht länger um den weichen Faktor Stimmung, sondern um die harte Währung Leistung. Und viel Zeit ist nicht mehr, um aus hoffnungsfrohen Ansätzen eine WM-titelfähige Mannschaft zu machen.
Zwar hat Klinsmann im Bereich Taktik und Fitness wirklich ernsthaft mit den Spielern gearbeitet – wohl als erster Bundestrainer seit vielen Jahren. Im Spiel gegen die Russen zeigte sich zudem, dass die Promotion der Jugend mit Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski jene Spielenergie entfacht, die einer deutschen Mannschaft seit Ewigkeiten fehlte. Doch das endlos beschworene Power-Play funktioniert bislang bestenfalls zweimal 25 Minuten. Und selbst wenn es gelingen sollte, den unerfahrenen Verteidigern beizubringen, wie man gegen Topstürmer immer auf Höhe des Geschehens ist: Die Leistung der Mannschaft hängt in erster Linie von der Form Michael Ballacks ab.
Vielleicht weil sie inzwischen ahnen, wie schwer planbar der sportliche Erfolg in so kurzer Zeit ist, arbeiten die Verantwortlichen mit nie gekanntem Einsatz am Image ihrer Truppe. Dass sich die Fans insgeheim über eine Niederlage der »Scheiß-Millionarios« freuen, soll nicht mehr vorkommen. Die Nationalmannschaft ist nicht bloß ein mehr oder weniger erfolgreiches Fußballteam. Sie ist vielleicht das Wichtigste, an dem das Land in den Monaten bis zur WM herumwerkelt. Für die optimale Präsentation dieses Premiumproduktes außerhalb der Stadien ist der Manager Oliver Bierhoff zuständig, der sich weltgewandt gebende Exkapitän der Nationalmannschaft.
Im Spiel verspringt der Ball – neben dem Platz sieht alles gut aus
Bis zu seinem Amtsantritt gab es seinen Job noch gar nicht, inzwischen gibt es kaum mehr ein Schräubchen, an dem er nicht dreht. Einen »Jour Fixe Nationalmannschaft« hat er beim DFB in Frankfurt eingeführt, damit endlich alle Abteilungen an einem Strang ziehen. »Wenn das Marketing eine Sponsoren-Aktion plant, muss der Medienmann aufhorchen: Das ist doch interessantes Bildmaterial!«, sagt Bierhoff. Auch wenn der Ball im Spiel verspringt – neben dem Platz sieht alles super aus.
Bierhoff macht sich Gedanken über die Kleiderordnung bei der WM und arbeitet mit an den Storyboards für die TV-Werbespots der Mannschaft. Er klappert Fernsehstationen und Sponsoren ab: Was plant ihr? Welche Spieler braucht ihr? Jedem Spieler hat der Hochglanzverantwortliche Bierhoff eine genau definierte Rolle zugedacht, die er dann öffentlich auszufüllen hat: Per Mertesacker gibt den etwas anderen Profi, der als Zivi arbeitet, der unbekümmerte Lukas Podolski, 20, dient den ganz Jungen als Identifikationsfigur, Patrick Owomoyela, der noch vor einem Jahr in der vierten Liga kickte, ist der Quereinsteiger mit der Botschaft, dass es nie zu spät für irgendetwas ist. Und Oliver Kahn agiert als Elder Statesman, den man gefahrlos sogar in eine Diskussion mit dem Innenminister über Sicherheitsfragen bei der WM schicken kann.
- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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