Mit den ersten lauen Juniabenden beginnt für Berliner Politiker, Lobbyisten und Journalisten die Saison der Sommerfeste. Der pflichtbewusste Korrespondent eilt dann von der sozialdemokratischen Spargelfahrt zur Bootstour der CDU-Mittelständler (mit kubanischen Rhythmen und fränkischem Wein) und vom Buffet auf der Dachterrasse des Auswärtigen Amtes zur ZDF-Party rund um die Alte Nationalgalerie. Es ist eine Zeit der Kabinettslisten und der Wahlwetten, in der sich auch journalistische Berufskrankheiten gut studieren lassen. Dazu gehört die Neigung, hinter allem entweder eine Strategie zu entdecken - oder plumpes Machtkalkül (manchmal auch beides). Besonders beliebtes Objekt für Motivforschungen ist momentan der DGB. Der Dachverband der Gewerkschaften, deren Spitzenfunktionäre bis auf ver.di-Chef Frank Bsirske allesamt Mitglied im SPD-Gewerkschaftsrat sind, will sich offiziell nämlich erstmals heraushalten aus dem Wahlkampf. Deshalb haben die Arbeitnehmervertreter nur Gewerkschaftliche Anforderungen an die Parteien formuliert. Sie sollen zeigen, mit welcher Partei die inhaltliche Übereinstimmung am größten ist. Das Ergebnis ist nicht überraschend: Mit der neuen Wahlalternative WASG stimmt der DGB in fast allen Punkten überein, mit der SPD verbindet ihn mehr als mit Union und FDP.

Öffentlich betont DGB-Chef Michael Sommer gleichwohl die Äquidistanz zu Union und SPD. Für die Wahlalternative will der Spitzengewerkschafter auf keinen Fall trommeln, weil die Spaltung der Linken ungünstig für die Durchsetzung gewerkschaftlicher Interessen sei. Was soll das einfache Gewerkschaftsmitglied mit dieser Empfehlung anfangen? Die ersten Sommerfeste haben zwei Deutungen hervorgebracht. Die Strategie-Schnüffler unter den Journalisten haben sich eine ziemlich komplizierte Antwort zurechtgelegt: Sommer warb schon bei seinem Amtsantritt für eine Große Koalition - und mit der indirekten Werbung für die WASG arbeite er nun darauf hin. Eine starke WASG im neuen Parlament könne Schwarz-Rot auf Bundesebene hervorbringen, falls es dem Bündnis gelingt, auch der Union Stimmen abzunehmen und falls die FDP es nicht in den Bundestag schafft. Sommer wäre am Ziel.

Die zweite Sommerfest-Deutung stammt von den Journalisten, die vorzugsweise niedrigste Motive unterstellen: Sommer ziehe es einfach nur dorthin, wo er die Macht von morgen vermutet, also zur Union. Einige Gewerkschafter erinnern hinter vorgehaltener Hand schon an einen Auftritt des früheren Industrie-Präsidenten Hans-Olaf Henkel. In der Nacht des rot-grünen Wahlsieges im Herbst 1998 wollte er mit Schröder feiern und verkündete fröhlich: Ich bin immer da, wo die Sieger sind. Ist Sommer also ein gewiefter Stratege oder ein plumper Opportunist? Träfen sich momentan nicht so viele Journalisten stundenlang auf Berliner Sommerpartys, so würden die Gewerkschaftsempfehlungen wahrscheinlich als das gelten, was sie sind: schlechte Dienstleistungen für Mitglieder - weil niemand sie wirklich versteht.