Iran Schmierige Geständnisse alter Männer
Die Kandidaten biedern sich an, um die Stimmen der Jugendlichen zu ergattern
Ali Akbar Haschemi Rafsandschani ist 71 Jahre alt, und jetzt erklärt er endlich, dass er es mit dem vorehelichen Sex als Jugendlicher gehalten habe wie »alle Jugendlichen«. Die Iraner mögen nun darüber rätseln, was Rafsandschani so getrieben hat als junger Mann und ob er sich an die islamischen Sitten gehalten haben mag. Nicht rätseln müssen sie über die Frage, warum Haschemi Rafsandschani das sagt: Er wirbt eifrig um die Stimmen der jungen Iraner. An diesem Freitag wird ein neuer Präsident gewählt. Wer die Jungen für sich gewinnen kann, der ist der sichere Sieger. Mehr als die Hälfte der Wähler sind unter 25 Jahre alt.
Das allein garantiert eine gewisse Frische im iranischen Wahlkampf. Allerdings wirkt es sehr künstlich, wenn junge Männer mit Gel im Haar plötzlich den Schriftzug »Haschemi« auf ihre Jeans pappen und prächtig geschminkte, mit modischen Sonnenbrillen bewehrte Frauen ohne erkennbaren Anlass »Haschemi« als Stirnband tragen. Soll man glauben, dass diese jungen Iraner das alte Schlachtross der Islamischen Revolution aus ganzem Herzen verehren? Eher nicht. Wahrscheinlicher ist, dass der steinreiche Rafsandschani einen Teil seines Geldes unter Claqueuren verteilt – jedenfalls behaupten einige der Haschemi-Stirnbandträger gegenüber Journalisten, dass sie in ihrem Leben noch nie so leicht 40 Dollar am Tag verdient hätten.
Getarnte Helfer haben in Iran immer schon eine gewisse Rolle gespielt. Neu dabei ist, dass jeder der acht Kandidaten mit Attributen wirbt, die zum ansonsten strengen Regiment der Islamischen Republik nicht passen. Alle geben sich aufgeklärt, modern und den sinnlichen Freuden – zumindest mäßig – zugetan. Bei den konservativen Hardlinern kommt es da mitunter zu recht ungelenken Vorstellungen. Ali Laridschani etwa wirbt mit dem Spruch »Frische Luft mit einer Regierung der Hoffnung«. Derselbe Laridschani hatte vor acht Jahren mit dem Slogan für sich geworben »Verschmelzung mit dem velayat e faqih«. Mit dem in Iran per Verfassung verankerten Führerprinzip, das ist die Bedeutung von velayat e faqih, wollte Laridschani also für sich werben. An damals werden sich viele Wähler nicht erinnern, denn das Wahlalter liegt in Iran bei 16 Jahren. Laridschani hofft auf die Gnade der spät Geborenen.
Die Tatsache, dass sich alle Kandidaten bei der Jugend anbiedern, ist nicht nur eine Frage der Masse, sondern auch der Qualität. Die jungen Wähler sind die Kinder der Ära Mohammed Chatami. Er war 1997 als Reformpräsident zum ersten Mal gewählt worden und tritt nun ab. Chatami selbst gibt zu, dass er die hohen Erwartungen, die an ihn gestellt worden waren, nicht erfüllen konnte. Trotzdem hat sich die Wählerschaft stark gewandelt. Die Jungen sind von dieser Zeit geformt, von der gesellschaftlichen, wenn auch nicht politischen Offenheit. Ein Zurück ist unwahrscheinlich. Gleichzeitig hat die große Mehrheit der Jugend bei den Wahlgängen in den letzten Jahren nicht gewählt, aus Enttäuschung, aus Wut und manche aus der Überlegung heraus, dass man auf diesem Wege dem verhassten System die Legitimation entziehen könnte. Aus allen diesen Gründen sind die Kandidaten dem Jugendwahn verfallen.
Dieser freilich dürfte nicht von Dauer sein. Fünf Bewerber kommen aus dem militärisch-revolutionären Apparat der Islamischen Republik. Der Aussichtsreichste unter ihnen ist Mohammed Bagher Ghalibaf, der ehemalige Polizeichef Irans. Er liegt nach letzten Umfragen mit rund 17 Prozent Zustimmung auf Platz drei. Ghalibaf kandidiert als der Mann für Recht und Ordnung mit großem Sinn für die Sehnsüchte junger Leute.
An der Spitze der Umfragen liegt jener auch im Westen altvertraute Haschemi Rafsandschani, der zwischen 1989 und 1997 schon einmal Präsident gewesen war. Rafsandschani gilt als gemäßigt konservativ – vor allem aber als geschäftstüchtig. Seine Sensibilität gilt dem Reichtum und der Macht. Er würde nie etwas unternehmen, was einem der beiden schadete.
- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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