Berlin

Einen Wahlkampf wie den, der jetzt beginnt, hat die Republik noch nicht erlebt. So spontan, so kurz - und so paradox: Er wird spannend, obwohl die Hauptfrage schon nahezu entschieden ist. Angela Merkel wird Kanzlerin. So gut wie sicher ist das nicht etwa wegen der zwanzig Prozentpunkte, die augenblicklich in den Umfragen zwischen Union und SPD liegen - auch die inneren Widersprüche der Partei oder die Gründung einer Para-PDS geben nicht den Ausschlag. Es ist vielmehr der erkennbare Unwille der Sozialdemokratie, weiter zu regieren, der diese Erwartung endemisch macht.

Die Tatsache, dass die Hauptfrage als geklärt gelten darf, hat tiefgreifende Folgen für den Wahlkampf. Zunächst für Gerhard Schröder und Franz Müntefering: Sie versuchen ihre Anhänger - ganz wie im Lehrbuch - mit der Restchance auf den Sieg zu einen und zu motivieren, immer vergeblicher allerdings. Damit erinnern sie an den Wahlkampf des Kanzlerkandidaten Rau, der 1987 eine Koalition mit den Grünen ausschloss und eine eigene Mehrheit anstrebte. Diese Fiktion hielt immerhin acht Wochen, bis der damalige Parteivorsitzende Willy Brandt den Schleier zerriss. So lange wird es diesmal nicht dauern. Dafür enthüllen die Medien heute zu rabiat. Binnen weniger Wochen wird sich die SPD also fragen müssen, was die Funktion einer Lüge sein soll, an die niemand glaubt. Nach dem Ende der Illusion wird die Partei einen Wahlkampf führen, der auf dreierlei setzt: Trotz, Mitleid und Balance. Man wird sagen, Es war doch nicht alles falsch, und fragen: Wollt ihr eurer armen, alten SPD das antun und sie unter 30 Prozent drücken? Und man wird hoffen, dass die Deutschen ein Gefühl für Balance bewahren und in einer eh schon schwarzen Republik wenigstens eine starke Sozialdemokratie haben wollen.

Für die Union besteht die wichtigste Folge der als entschieden geltenden Wahl darin, dass sie auf Ehrlichkeit setzen kann - und muss. Denn bei der günstigen Ausgangslage würde ein Wahlkampf, der auch nur von Ferne an den weichen, unklaren Edmund Stoiber des Jahres 2002 erinnerte, die Bürger zu dem Urteil bringen, die Union sei feige oder unsicher. Gewählt würde sie wohl trotzdem, ginge jedoch mit einem psychologischen Handicap an die Arbeit. Als Lackmuspapier für die neue Ehrlichkeit gilt die Erhöhung der Mehrwertsteuer.

Um diese Frage wird sich die Kandidatin nicht herummogeln.

Ist eine Hauptfrage erledigt, so werden Nebenfragen sexy. Ein Beispiel lieferte dafür der vorletzte NRW-Landtagswahlkampf. Die CDU hatte wegen der Spendenaffäre keine Siegeschance, es war klar, dass die SPD weiterhin den Ministerpräsidenten stellen würde. So konnte es Jürgen W. Möllemann gelingen, das Schicksal der FDP zur spannendsten Frage von allen zu stilisieren. Kommen die Liberalen wieder in den Landtag, und wie viel Prozent erhalten sie (Projekt 8)?

Auf ähnliche Weise werden auch in diesem Wahlkampf Sekundärfragen erotisch.