Es ist der 26. Dezember 2004, acht Uhr morgens. Der Tsunami überrollt die Westküste der indonesischen Provinz Aceh. Meulaboh ist die dem Epizentrum des Seebebens nächstgelegene Stadt. Die Flut hinterlässt eine Verwüstung, die man nur mit einem Flächenbombardement vergleichen kann. Ein Stadtteil versinkt unter dem Meeresspiegel.

Drei Stunden später sucht die Flutwelle die Ostküste Sri Lankas heim. Kinniya ist eine flache, der Hafenstadt Trincomalee vorgelagerte Insel. Das aufwogende Wasser zerstört, wie eine spätere Zählung ergibt, 1.481 Häuser. Das örtliche Krankenhaus ist völlig verwüstet. 1.179 Häuser werden schwer beschädigt, 3.000 Brunnen durch Meerwasser versalzen.

28. Dezember, Potsdam.
Redaktionskonferenz bei Radio Fritz, dem "Laden gegen Langweilige im rrb". Thomas Vogel, ein unauffälliger und bescheidener Mann, der bei dem Sender für Veranstaltungen zuständig ist, ergreift die Initiative. Die schiere Größenordnung der Katastrophe beginnt sich erst langsam abzuzeichnen. Doch ihm ist klar, dass das eine große Story ist. Er glaubt, da müsse der Sender mit einer Aktion einsteigen, die bei den Hörern "einen aktuellen Erkenntnisstand und Betroffenheit herstellt".

Eine der zahllosen Spendenaktionen nimmt ihren Anfang, die nach der großen Katastrophe das Elend der Opfer lindern und das schlechte Gewissen der in Weihnachtsstimmung schwelgenden Wohlstandswelt mildern sollte. Dies ist die Geschichte ihres langen Weges von Berlin nach Meulaboh und Kinniya. Man wird sehen, dass nicht alles, was gut gemeint ist, Gutes bewirkt. Wir werden erleben, wie Mentalitäten und Kulturen aufeinander stoßen. Und dass das, was sein könnte, oft nicht passiert, weil ein System, in dem immer mehr Spendengelder durch die Hände der NGOs (non-governmental organizations), der Nichtregierungsorganisationen, gehen, dem Ausmaß der Katastrophe nicht gewachsen ist.

Thomas Vogel erhält das Okay seiner Kollegen. Er organisiert eine Spenden-Hotline. Im Programm soll ständig auf die Nummer hingewiesen und zeitgleich die Zahl der Anrufer bekannt gegeben werden, um dem Ganzen "einen sportlichen Anreiz zu geben". Damit die Discjockeys immer wieder sagen können: "Hey, da geht doch noch mehr!"

Das zu organisieren ist nicht einfach. Man braucht einen "Mittler zwischen zwei Teilen der Service-Ruf-Wertschöpfungskette", wie das im Jargon heißt: eine Firma, die die Anrufe technisch und kaufmännisch abwickelt und den Anbieter – in diesem Fall Radio Fritz – mit der Deutschen Telekom zusammenbringt. Die eine Firma ist zu teuer, die branchenüblichen Provisionen belaufen sich auf bis zu 20 Prozent, andere Anbieter können die technischen Anforderungen nicht erfüllen. Schließlich wird Vogel mit der Deutschen Telefon- und Marketingservice AG in Mainz (dtms) handelseinig.

Die Chefredaktion wählt die Aktion Deutschland hilft (ADH) als Spendenempfänger aus. Die ADH wird in Nachrichtensendungen immer wieder an erster Stelle als vertrauenswürdige Organisation genannt. Sie ist ein Zusammenschluss von zehn großenteils christlich-sozial inspirierten Hilfsorganisationen.

Vogel will einen weiteren Anreiz schaffen. Für den 30. Dezember ist in der Arena Berlin ein Konzert der Toten Hosen angesetzt. Es ist ausverkauft. Wäre es da nicht eine Idee, die Show live zu übertragen – vorausgesetzt, die Telefonaktion bringt 2.000 Euro? Vogel legt die Mindestgrenze willkürlich fest, sie soll die Spendenbereitschaft fördern. Er ruft bei dem Agenten der Deutschrocker an. Die Band muss den Vorschlag diskutieren. Erst spätabends ruft Campino, der Sänger der Gruppe, zurück. Er gibt seine Zusage und sagt: "Hey, da müsst ihr noch viel größer einsteigen!"