Tsunami Und viel Geld liegt auf der BankSeite 9/9
Die Einheimischen wissen sich zu helfen. Und die wirksamsten Methoden sind oft die billigsten – Einsichten, die Spendern schwer zu vermitteln sind. Im reichen Westen grassiert immer noch die aus Kolonialzeiten überbrachte Vorstellung, die Bewohner anderer Kontinente seien in allen Belangen auf seine Hilfe angewiesen. Das soll nicht heißen, Hilfe sei überflüssig. Doch sie muss sich den örtlichen Gegebenheiten anpassen. Wenn die Toten Hosen Geld sammeln für etwas, das gar nicht benötigt wird, und das Geld einer Organisation aufzwingen, die dafür keine Verwendung hat, verkommt das Geben zum irrationalen Selbstzweck.
Nichts, was die Ärzte ohne Grenzen tun, geht über das hinaus, was auch andere NGOs leisten. Vieles wird auch vom einheimischen Gesundheitsdienst bewältigt. Es gibt jetzt zwar eine bessere Koordination, nicht mehr ein chaotisches Durcheinander wie zu Beginn, als mindestens vier Organisationen gegen Masern impften, ohne sich abzustimmen und ohne Rücksicht auf bestehende Strukturen. Dennoch wird das in dem vermutlich größten Ausbruch von Altruismus in der Menschheitsgeschichte gesammelte Geld weithin vergeudet. Nicht aus bösem Willen, aber die NGOs verzetteln sich, sie kratzen an Symptomen und vervielfachen den Aufwand. Das Ausmaß der Zerstörung überfordert sie völlig.
Es kann jetzt nur darum gehen, ein groß angelegtes Wiederaufbauprogramm in Gang zu setzen. Würde das Spendenaufkommen in einem großen Fonds zusammengefasst, in einem Marshallplan für das von den Naturgewalten zerstörte Aceh, könnte es Wunder bewirken. In der traurigen Wirklichkeit beschränkt sich der Wiederaufbau auf die Instandsetzung von 110 Brücken und 80 Straßenkilometern durch das Militär, eine technisch enorme Leistung, die aber in erster Linie strategischen Bedürfnissen Rechnung trägt. Hunderte in der Kaserne von Meulaboh ertrunkene Soldaten sind in roh aufgeschütteten Massengräbern beerdigt worden. Die Armee hat neue Rekruten herangeschafft und widmet sich wieder ganz der Jagd nach Rebellen.
Die Zerstörungen schreien nach Geld. Aber den Ärzten ohne Grenzen fällt es immer schwerer, ihr Geld auszugeben – eine groteske Situation. Im ersten Quartal bildeten Charterkosten für Hubschrauber mit einer halben Million Euro den größten Einzelposten. Die Charterfirma hat ihre Hubschrauber abgezogen, für sie besteht wegen des verbesserten Straßennetzes nicht mehr genug Bedarf. Von der Spende der Toten Hosen sind im April nur noch knapp 2.000 Euro nach Aceh durchgesickert.
Der Konvoi aus Meulaboh nähert sich Drien Rampak. Zwei Kilometer vor dem Ziel verschwindet die Straße in einem über das Ufer getretenen Fluss, der in atemberaubender Geschwindigkeit lehmbraun aus dem Urwald schießt. Das Wasser wird immer tiefer. Einheimische warnen, ein Stück weiter sei es mannshoch. Es bleibt nichts übrig, als umzukehren.
Melanson will seine Betonringe nicht umsonst mitgenommen haben. Auf der Rückfahrt hält er vor einem Obdachlosenlager, das auf eine zusätzliche Latrine wartet. Die Entladung ist ein Kraftakt. Alles geht gut. Dann schubst einer seiner Mitarbeiter einen Ring über einen Drainagegraben – und der Beton zerbirst. Melanson starrt auf den Scherbenhaufen, der von dem Spendengeld übrig geblieben ist. »Okay«, sagt er dann, mehr zu sich selbst als zu den Umstehenden. »Okay. Wir wollen deswegen jetzt kein Theater machen. Okay.«
- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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