Zwei Rekorde hat das Londoner Auktionshaus Christie's in diesem Jahr schon mit Nachkriegs- und vor allem zeitgenössischer Kunst erreicht. Der Erlös von rund 46 Millionen Dollar im Februar war der höchste je in Europa erzielte, und die im Mai umgesetzten rund 134 Millionen Dollar waren Weltspitze. Und schon annonciert das britische Traditionshaus einen neuen Superlativ, den strongest sale ever. Dass der ausgerechnet am 23. Juni stattfindet, drei Tage nach dem Ende der Messe Art Basel, wirft ein helles Licht auf einen veränderten Markt, in dem Auktionshäuser inzwischen den Galerien für zeitgenössische Kunst Konkurrenz machen.

Christie's kann alle Namen bieten, von denen auch auf der Art Basel (15. bis 20. Juni) die Rede ist: Martin Kippenberger, Jean-Michel Basquiat, Marlene Dumas, Rachel Whiteread, Luc Tuymans, Franz Ackermann, Thomas Schütte und Peter Doig, dazu die schon als Klassiker geltenden Gerhard Richter, Sigmar Polke und Georg Baselitz.

Die immer engere Verflechtung von Primär- und Sekundärmarkt, in der mal das eine, mal das andere Auktionshaus die Nase vorn hat, gibt den Galerien heftig zu denken. Was bei Christie's ein Grund zum Feiern ist, bereitet den Entdeckern, Förderern und Wegbereitern junger Kunst Verdruss. Es ist nicht nur die Konkurrenz, die uns bedrückt, sagt Bernhard Wittenbrink, Münchner Galerist und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galeristen (BVDG). Das Vertrauen in den Kunstmarkt kann nachhaltig erschüttert werden, wenn frisch produzierte Werke schon zwei Jahre nach ihrem Entstehen zu hohen Preisen unter den Hammer kommen. Er hält es für unverantwortlich, den Bietern Ware zuzuschlagen, deren Wertsteigerung oder auch Werterhaltung im Bereich des Ungewissen liegt.

Aber die Gier der Käufer nach den jungen und jüngsten, oft nur vermeintlich innovativen und frischen Kunstproduktionen ist derzeit groß. Jeder will gern mitverdienen, was die Preise zeitweise dramatisch in die Höhe treibt. 50 Prozent der zeitgenössischen Kunst werden inzwischen über die Auktionshäuser vermarktet, schätzt der Deutschland-Chef von Christie's, Andreas Rumbler.

Bei den Preisen, die auf den Auktionen erzielt und kommuniziert würden, schlagen manche Händler die Hände über dem Kopf zusammen, gibt er zu. Aber es sei eben derzeit schick, sich über junge Kunst zu definieren, sowohl privat als auch in den Unternehmen. Rumbler: So wird gekauft, was der Markt hergibt. Bei allem Übermut von Seiten der Käufer bleibt die Devise seines Hauses: vorsichtig taxieren. Der Zuschlagspreis einer Arbeit kann nicht die Bewertungsgrundlage für eine weitere Einlieferung sein. Ist sie es doch, kann die Sache schief gehen. Die Installation Frank und Jamie von Mauricio Cattelan, auf 1,4 bis 1,8 Millionen Dollar geschätzt, ging im Mai bei Christie's zurück.

Der brisanten Entwicklung mit Risiken auf allen Seiten ist man sich beim BVDG bewusst. Natürlich können wir das Marktgeschehen nicht zurückschrauben, aber durchaus in die Offensive gehen, sagt der Verbandssprecher Wittenbrink. Ab Herbst wirbt der Zusammenschluss von über 300 professionellen deutschen Galerien mit dem Slogan Bei uns kommt die Kunst nicht unter den Hammer.

Das ist ein deutlicher, wenn auch möglicherweise hilfloser Vorstoß gegen grundlegende Veränderungen eines rasant expandierenden Kunstmarktes, der seine immer kauflustigere und finanzkräftige Klientel inzwischen überall auf dem Globus findet. Man wird sehen, auf welchen Kontinenten die Art Basel neue Kundenkreise auftun kann.