Es ist tatsächlich dieses Geräusch, das den Zuschauer mitnimmt. Erst durch das leise und gleichmäßige Dröhnen der Schiffsmotoren wird die Fahrt flussaufwärts zur Bewegung, zur Strecke, zu einer Reise entlang der drei Schluchten des Jangtse. Vorbei an neblig entrückten Gebirgskulissen gleitet der Passagierdampfer an jahrhundertealten Stadtmauern entlang, an endlosen Baustellen und den Skylines der neuen Provinzmetropolen. In ihrem Dokumentarfilm Die chinesischen Schuhe reist Tamara Wyss durch eine sich überschlagende Moderne, aber auch durch eine Geschichte und Kultur, die dabei sind, unter zu gehen. Wenige Wochen vor der Fertigstellung des riesigen Staudammprojekts am Jangtse hat sie die Fahrt angetreten. Schon jetzt, wenn er ins Kino kommt, ist dieser Film also ein Zeitdokument. Und trotz seines archivarischen Blickes liegt ihm auch ein ganz persönliches Anliegen zugrunde, betreibt er ganz private Spurensuche. Als Reiseführer dienen Tamara Wyss die sorgfältig geführten Tagebücher, die Schwarzweißfotografien und liebevollen Tonaufnahmen ihrer Großeltern. Max Friedrich Weiss war Anfang des letzten Jahrhunderts Konsul des deutschen Kaiserreichs in China, seine abenteuerlustige Frau Hedwig Margarethe begleitete ihn über den Jangtse zum neuen Arbeitsplatz im zentralchinesischen Chengdu.

Wieder ist es die Tonspur, die den Zuschauer mitnimmt. Jetzt in die Vergangenheit. Ein merkwürdig schriller Gesang ist aus der Ferne zu hören. Es sind die Melodien der Treidler, die das Boot der Großeltern flussaufwärts zogen. Immer wieder beschreibt Wyss' Großmutter in ihrem Tagebuch diese gefahrvolle Schwerstarbeit. Doch längst ist der Beruf ausgestorben, sind die traditionellen Lieder nur mehr Touristenattraktion. Wenn die alten und ungemein tiefenscharfen Fotografien fast unberührter Landschaften und beschaulicher Städtchen eingeblendet werden, dann wird die Tonspur plötzlich ganz still, als stehe sie unter dem Eindruck der der eingefrorenen Zeit. Geht die Kamera hingegen von Bord und sucht die Phantomstädte des neuen Chinas auf, wird sie von ohrenbetäubendem Lärm empfangen. Alles ist in Bewegung, überall wird gehämmert und gebohrt. Eine Bauleiterin rast mit ihrer Limousine über achtspurige Straßen. Die junge Studentin genießt den Komfort eines Einzimmerappartements in einem anonymen Hochhausblock. Auch der alte Honggui freut sich über die Qualität der neuen Wohnung, doch beklagt er sich über die Ferne des Marktes, längst könne er nicht mehr den Wok aufs Feuer stellen und schnell noch sein Gemüse einkaufen - so beiläufig kann man von verschwindenden Welten, neuen Ökonomien und gewaltigen Umbrüchen erzählen.