Doppelt entrechtet
NS-Zwangsarbeiter werden seit einiger Zeit entschädigt. Aber nicht alle. Nikolaj Kuzmenko war Kriegsgefangener, als er in Herne arbeiten musste – und bekommt deshalb kein Geld
Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko sagt, er hasse uns Deutsche nicht. Schließlich habe es auch welche gegeben, die ihm geholfen hätten. Frauen, die ihm ein Stück Brot zugesteckt hätten, oder der Aufseher, der ihm ab und zu eine Pause erlaubt habe während der vierzehn Stunden, in denen er Kohle aus Waggons schaufelte. Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko hat in einem Bergstollen in Herne gearbeitet. Wie lange, das weiß er nicht genau, weil schon die Reise nach Deutschland sein Gefühl für Zeit durcheinander gebracht hatte, die tagelangen Fußmärsche, der Zug, in dem er eingepfercht war und der manchmal eine Ewigkeit hielt, ohne dass Nikolaj Josifowitsch gewusst hätte, wo und weshalb. Es müssen zwei Jahre gewesen sein, die er im Bergstollen Nummer 1 und 2 arbeitete. Und er habe Glück gehabt, sagt er, weil er zu denen gehörte, die oben bleiben durften und nicht runtermussten – unter Tage. Die Baracke, in der er schlief, war zwei Kilometer entfernt. Drei Betten übereinander, Matratze und Kissen mit Stroh gefüllt. Nachts um drei Uhr tönte die Sirene. Es gab Suppe, Wasser mit etwas Grieß. Mittags einen Brei aus Roten Beeten. Abends dann 400 Gramm Brot. Manchmal zum Wochenende zwei Scheiben Wurst und 50 Gramm Margarine. »Aber das war selten«, sagt Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko. Dieser ewige Hunger war das Schlimmste, er nahm jeden Gedanken in Beschlag, war immer da, auch nach der Suppe, den Roten Beeten, dem Brot. Im Zug hatten sie alle zwei Tage einen Laib bekommen, aber viele, sagt Nikolaj Josifowitsch, waren zu schwach, um es sich aufzusparen, ihnen fehlte die psychische Kraft.
Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko ist 83 Jahre alt. Er sitzt auf einem Bett in seinem kleinen Wohnzimmer. Vor dem Fenster steht ein Tisch, daneben ein Fernseher, eine Glühbirne hängt von der Decke. Er trägt ein Hemd, das er sich zuvor noch angezogen hat, und eine zu kurze Jogginghose, unter deren Stoff sich der Plastikbeutel abzeichnet, den er seit einem Jahr mit sich herumtragen muss. Den Katheter hat er nach einer Prostata-Operation bekommen. Eigentlich sollte er im Krankenhaus liegen, aber er kann es nicht bezahlen – bei 300 ukrainischen Hriwna Rente im Monat, das sind etwa 40 Euro.
Vor Jahren schon hat er aus der Zeitung erfahren, dass die deutsche Regierung zusammen mit deutschen Unternehmen Menschen wie ihn, so genannte Zwangsarbeiter, finanziell entschädigt. KZ- und Ghetto-Häftlinge, die Zwangsarbeit verrichteten, bekommen bis zu 7600 Euro, Menschen, die nach Deutschland deportiert und hier zur Arbeit gezwungen wurden, 2500 Euro. Darüber hinaus können andere Gruppen wie zum Beispiel Landarbeiter Geld erhalten, falls welches übrig ist. Nikolaj Josifowitsch gehört zu keiner dieser Kategorien, er hat nichts bekommen. Er war Soldat. Ein Soldat, der in Kriegsgefangenschaft geriet. »Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung«, so steht es im Gesetz zur Errichtung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft.
Vor sieben Jahren ist seine Frau gestorben, drei Wochen vor ihrer goldenen Hochzeit. Seitdem lebt er allein. Das Haus hat zwei Zimmer, einen Ofen, die Toilette ist ein Erdloch draußen im Garten, auf den Telefonanschluss wartet er heute noch. In dem Haus hatten schon die Eltern seiner Frau gelebt. Nikolaj Josifowitsch ist im Nachbarhaus groß geworden, damals war Rozsoschenci ein kleines Dorf, drei Straßen, ein Dutzend Häuser, die von deutschen Soldaten abgefackelt wurden. Die kleinen Häuser sind wieder aufgebaut, aus Holz und Lehm, kleine Datschen, deren Gärten von hohen Bretterzäunen umgeben sind. Und die so verlassen wirken, als würden hier kaum Menschen wohnen.
Mit 19 wurde er Soldat – und er freute sich darauf, bald frei zu sein
Rozsoschenci gehört mittlerweile zum Gebiet von Poltawa, einer Stadt mit einer halben Million Einwohner, 350 Kilometer südöstlich von Kiew. In einem der Zimmer hat Nikolaj Josifowitsch ein Foto von Wiktor Juschtschenko. Und wäre er nicht so krank gewesen, dann wäre er im Dezember zur orange Revolution nach Kiew gefahren, um dort mit Tausenden anderer zu kampieren. »Es gibt nichts umsonst«, sagt Nikolaj Josifowitsch, »du musst für deine Rechte kämpfen.« Und dann schimpft er auf die Kommunisten, die ihm das Leben so schwer gemacht haben. Mit 15 musste er in die örtliche Kolchose und Landarbeit verrichten. Er hatte keinen Pass und durfte deswegen sein Dorf nicht verlassen, keine Lehre anfangen. Mit 19 wurde er Soldat und freute sich darauf, weil er hoffte, danach frei zu sein, endlich reisen zu können und arbeiten, was er wollte. Er hat ein Foto aus dieser Zeit: Nikolaj mit 19. Im Jahr 1940. Ein hübscher Mann, das Mal auf der Wange, das sein Gesicht heute noch prägt, diese ernsten Augen. Eine Entschlossenheit im Blick, die er heute noch hat: Nikolaj Iosifowitsch ist ein starker Mann, er lässt sich nicht beirren im Erzählen, weder von seinem Sohn, der sagt, der Vater solle auf den Punkt kommen, nicht immer so weit ausholen, noch von den Tränen, die ihm ab und zu in die Augen steigen. Als man ihm anbietet, eine Pause zu machen, schüttelt er nur den Kopf. Damals sei er kräftig gewesen, sagt er, und groß. Heute muss er sich auf den Stuhl stützen, wenn er steht. In der Nähe von Moskau wurde er ausgebildet, die Truppenübungen wurden immer häufiger, und eines Tages sprach Außenminister Molotow im Radio davon, dass das Land im Krieg sei. Sechs Tage nach Kriegsbeginn, am 28. Juni, wurde Nikolaj Josifowitsch mit der Artillerie in die Nähe von Minsk verlegt. Er besaß ein Maschinengewehr, hatte aber, ehe er überhaupt zum Schießen kam, schon eine Kugel im Knie. Er kam ins Lazarett, später in ein Krankenhaus in der Nähe von Tula. Drei Monate blieb er und wurde dann wieder an die Front verlegt. Er erinnert sich noch an die deutschen Flugzeuge, die so dicht über ihn hinwegflogen, dass er fast die Gesichter der Piloten erkennen konnte. Nach dem Gefecht herrschte Stille. Stundenlang. Alle waren sie nervös. Was war los? Sie fragten ihren Kommandeur. Der telefonierte, kam zurück und sagte: »Wir sind eingekesselt, jeder muss sich selbst retten.«
Das war der Tag, an dem Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet. Sein Sohn Igor, der auch in Poltawa lebt, holt eine Aktentasche aus dem Schrank. Die Kopie einer Bescheinigung: Vom 15. September 1940 bis zum 15.Juli 1946 gehörte Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko der Armee an. Vom 15. Oktober 1941 bis zum 1. Mai 1945 war er in Kriegsgefangenschaft. Die Deutschen brachten ihn und die anderen in eine Fabrik nach Belew und sperrten sie in die Halle einer Gurkenfabrik. Dutzende Fässer mit salzigen Gurken standen dort herum. Weil sie nichts anderes bekamen, fingen sie irgendwann an, davon zu essen. Und weil sie nichts zu trinken bekamen, streckten sie ihre Hände durch die Fabrikfenster und versuchten, etwas vom Regen abzubekommen, der vom Dach tropfte. Nach zwei Tagen mussten sie zu Fuß nach Orel, zwei Tage lang liefen sie, ohne Essen. Wenn sie an Dörfern vorbeikamen, versuchten Frauen ihnen Brot zuzustecken, aber die Deutschen ließen das nicht zu. In Orel wurden sie ins örtliche Gefängnis gebracht. Es war leer, und Nikolaj Josifowitsch fragt sich bis heute, was aus den Insassen geworden ist.
In Orel fing die Arbeit an. Er musste Waggons entladen. Und wie haben sich die Deutschen verhalten? Das Einzige, was er immer zu hören bekam: »Russ rabota« – Russe, arbeite. War das alles? Nikolaj Iosifowitsch schüttelt den Kopf, dann macht er mit der Hand eine Geste, als wolle er abwinken. »Die waren doch auch nur Soldaten wie wir«, sagt er, »die wurden doch auch von denen da oben geschickt.«
Es war auch die Zeit, in der Nikolaj Josifowitsch anfing, das Zeitgefühl zu verlieren. Irgendwann ging es weiter nach Witebsk, dann nach Smolensk. Immer zu Fuß. Auf der Karte sind es vierhundert Kilometer. Eines Tages wurde er in einen Zug verfrachtet. Es war Winter, es war kalt, seine Kleider waren nass, er hatte sie seit Wochen nicht gewechselt. Manchmal stand der Zug auf freier Strecke. Tagelang. Nikolaj Josifowitsch verlor die Hoffnung, jemals wieder zurückzukommen. Er weiß nicht, wo sie ankamen. Nur dass dort ein großes Lager war mit Tausenden von Gefangenen. Und täglich kamen Männer vorbei, die Arbeiter brauchten.
5,7 Millionen sowjetische Soldaten nahm die Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs gefangen, von denen etwa 3,3 Millionen starben. Für die sowjetischen Soldaten galt die Genfer Konvention nicht, die besagt, dass Kriegsgefangene grundsätzlich »Anspruch auf Achtung ihrer Person und ihrer Ehre« haben und »jederzeit mit Menschlichkeit behandelt und insbesondere gegen Gewalttätigkeiten, Beleidigungen und öffentliche Neugier geschützt« werden. Die Sowjetunion hatte die Genfer Konvention nicht unterzeichnet. Völkerrechtlich galt für deren Soldaten jedoch die Haager Landkriegsordnung, die zwar viel allgemeiner gehalten war, aber dennoch verlangte, dass Kriegsgefangene »mit Menschlichkeit behandelt werden«.
Viele von ihnen mussten in Erdlöchern leben
Für die Deutschen allerdings waren die sowjetischen Soldaten Gefangene dritter Klasse. Sie mussten grundsätzlich die schlimmsten und gefährlichsten Arbeiten verrichten. Viele von ihnen mussten in Erdlöchern leben, die sie selbst gegraben hatten. Es gibt Geschichten von Zügen, in denen es so kalt war, dass die Gefangenen bei der Ankunft zu Tode erstarrt waren. Die deutsche Regierung weigert sich, Kriegsgefangene zu entschädigen, weil sie sich darauf beruft, dass sowohl die Genfer Konvention als auch die Haager Landkriegsordnung es erlauben, Kriegsgefangene zur Arbeit heranzuziehen. Dass es große Unterschiede in der Behandlung gab, das klammert die Regierung in ihrem Gesetz aus, Ergebnis einer internationalen Verhandlung, an der Länder teilnahmen, die Zwangsarbeiter hatten. »Allen Beteiligten ist klar gewesen, dass sowjetische Gefangene besonders schlecht behandelt wurden«, sagt Günter Saathoff, der dem Vorstand der Stiftung Erinnerung angehört, »aber das ändert nichts an ihrem rechtlichen Status als Kriegsgefangene. Aus moralischer Sicht ist das natürlich ein trauriges Ergebnis.« Auch finanzielle Gründe spielen eine Rolle; außerdem gab es die Befürchtung, deutsche Soldaten, die andererseits Zwangsarbeit in der Sowjetunion geleistet haben, könnten Forderungen stellen. Und es würde zu einem gegenseitigen Aufrechnen des Leids kommen.
Manchmal fragt sich Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko, wofür sein Leben gut war. »Niemand hat bisher Verständnis und Menschlichkeit in Bezug auf mein Schicksal aufgebracht«, sagt er. Nachdem er von den Amerikanern befreit worden und wieder in die sowjetische Armee gekommen war, ging die Tragödie weiter. Er wurde vom Geheimdienst verhört, immer und immer wieder. Ihm wurde vorgeworfen, er sei freiwillig in die Kriegsgefangenschaft gegangen. Für Stalin gab es keine Kriegsgefangenen, nur Verräter. Eher sollte ein Soldat sich umbringen, als den Deutschen zu dienen. Zwei Jahre musste Nikolaj Josifowitsch in Herne arbeiten, wurde ausgehungert und geschlagen – und dann von seiner eigenen Regierung dafür bestraft. Wobei er noch gut wegkam. Viele wurden nach der Rückkehr in die Sowjetunion deportiert. Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko bekam einfach keinen Job. In seinen Entlassungspapieren stand, dass er Kriegsgefangener gewesen war. Ein Verräter, den keiner einstellen wollte. Ob er einen Wunsch für sein Leben gehabt habe? »Ja«, sagt er, »dass meine Kinder immer genug zu essen haben.«
Die schönste Zeit seines Lebens, sagt er, seien die drei Monate gewesen, die er nach der Befreiung in amerikanischer Obhut war. Die Amerikaner hätten für ihn gekocht, das vergisst er ihnen bis heute nicht. Sie wollten ihn sogar in die USA mitnehmen. Aber er wollte nicht. Sechs Jahre hatte er seine Eltern nicht gesehen. Er kam im September 1946 nach Rozsoschenci zurück. Seine Eltern drängten ihn zur Heirat. Er nahm die Nachbarstochter zur Frau, wurde 1949 zum ersten Mal Vater und musste wieder Waggons entladen im zwölf Kilometer entfernten Bahnhof; das war der einzige Job, der ihm blieb. »Hätte ich damals gewusst, dass es die Hungersnot geben würde, wäre ich gegangen«, sagt er. Es war eine Katastrophe, bei der in der Ukraine Zehntausende Menschen starben. Auch ein Onkel von Nikolaj. Er sagt, einige hätten sogar ihre Kinder gegessen.
Vor ein paar Wochen hat Nikolaj Josifowitsch 300 Euro bekommen. Eine Spende vom Verein Kontakte-Kontakty e. V. in Berlin, der sich um NS-Opfer in den ehemaligen Sowjetstaaten kümmert. Eberhard Radczuweit, der Vorsitzende, hatte über eine ukrainische Stiftung von Kuzmenkos Schicksal erfahren, in deren Datenbank auch Menschen erfasst sind, deren Anträge abgelehnt wurden. Mit dem Geld hat Nikolaj Josifowitsch seine Operation bezahlt und anschließend Radczuweit einen Brief geschrieben. »Ich konnte es kaum glauben«, schrieb er, »Gott hat mir geholfen.« Solche Sätze liest Radczuweit täglich, mit denen sich alte Menschen für die Hilfe bedanken.
Es geht nicht allein um das Geld, sondern auch um die Geste
Im Januar hat der Verein mehr als vierhundert Briefe an ehemalige ukrainische Kriegsgefangene verschickt, in denen er Respekt vor deren Schicksalen zum Ausdruck brachte und das Bedauern darüber, dass sie von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft nicht berücksichtigt wurden. Briefe, die in den Dörfern herumgereicht werden. Eine Enkeltochter berichtet, dass ihre Familie sich sonntags mit dem Großvater an den Tisch gesetzt, den Brief vorgelesen und den alten Mann zum ersten Mal nach seiner Kriegsgefangenschaft befragt habe. Das habe ihn so aufgewühlt, dass er zwei Tage später gestorben sei.
Allein in der Region um Poltawa haben 43000 Menschen Anträge auf Entschädigung gestellt, die meisten von ihnen, fast 20000, waren Industriearbeiter. Wie viele Kriegsgefangene es gab, das weiß keiner.
Dass es Menschen in Deutschland gebe, die sich für sein Schicksal interessieren, sagt Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko, könne er kaum glauben. Es ist nicht allein das Geld, es ist die Geste, für die er dankbar ist. Einen ganzen Tag hat er erzählt, zwischendurch zum Essen zwei Gläser Wodka getrunken, und am Abend hat er immer noch Kraft und Humor, sich bereitwillig fotografieren zu lassen. Als sein Sohn ihn bittet, die blaue Jacke anzuziehen, die mit den vielen Abzeichen und Orden, sagt Nikolaj Josifowitsch: Die trage er nicht so gern, weil ihn die Menschen mit Breschnew verwechseln könnten.
Zum Abschied zieht er sich seine Pelzmütze an, seinen Mantel, steigt mühsam die paar Stufen zum Gartentor hoch. Steht dort im Dunkeln, eine Hand auf den Pfosten gestützt. »Versprechen Sie mir eines«, sagt er, »vergessen Sie mich nicht.«
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- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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