Doppelt entrechtetSeite 3/3
Es geht nicht allein um das Geld, sondern auch um die Geste
Im Januar hat der Verein mehr als vierhundert Briefe an ehemalige ukrainische Kriegsgefangene verschickt, in denen er Respekt vor deren Schicksalen zum Ausdruck brachte und das Bedauern darüber, dass sie von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft nicht berücksichtigt wurden. Briefe, die in den Dörfern herumgereicht werden. Eine Enkeltochter berichtet, dass ihre Familie sich sonntags mit dem Großvater an den Tisch gesetzt, den Brief vorgelesen und den alten Mann zum ersten Mal nach seiner Kriegsgefangenschaft befragt habe. Das habe ihn so aufgewühlt, dass er zwei Tage später gestorben sei.
Allein in der Region um Poltawa haben 43000 Menschen Anträge auf Entschädigung gestellt, die meisten von ihnen, fast 20000, waren Industriearbeiter. Wie viele Kriegsgefangene es gab, das weiß keiner.
Dass es Menschen in Deutschland gebe, die sich für sein Schicksal interessieren, sagt Nikolaj Josifowitsch Kuzmenko, könne er kaum glauben. Es ist nicht allein das Geld, es ist die Geste, für die er dankbar ist. Einen ganzen Tag hat er erzählt, zwischendurch zum Essen zwei Gläser Wodka getrunken, und am Abend hat er immer noch Kraft und Humor, sich bereitwillig fotografieren zu lassen. Als sein Sohn ihn bittet, die blaue Jacke anzuziehen, die mit den vielen Abzeichen und Orden, sagt Nikolaj Josifowitsch: Die trage er nicht so gern, weil ihn die Menschen mit Breschnew verwechseln könnten.
Zum Abschied zieht er sich seine Pelzmütze an, seinen Mantel, steigt mühsam die paar Stufen zum Gartentor hoch. Steht dort im Dunkeln, eine Hand auf den Pfosten gestützt. »Versprechen Sie mir eines«, sagt er, »vergessen Sie mich nicht.«
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- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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