Welch überraschende Wendung: Jacques Chirac wird zu Hause in Frankreich weithin als der große „Verlierer“ des Gipfels abgestempelt; sein Widersacher Tony Blair dagegen, für einen Teil der deutschen Presse der Buhmann der EU, wird in seinem Land beinah von allen Seiten mit Lob bedacht. Die Rivalität zwischen den beiden politischen Führern wird in den nächsten Monaten immer wieder durchbrechen. Blair wird als Ratspräsident der EU mit Störmanövern seines Widersachers rechnen müssen. Der bittere Konflikt zwischen London und Paris wird es nicht leichter machen, einen Ausweg aus der europäischen Krise zu finden.

Es hätte des Scheiterns des EU-Gipfels eigentlich nicht einmal bedurft, um der ganzen Welt vor Augen zu führen, wie schlecht es um die Europäische Union steht. Der bittere Streit ums Geld, ums Budget der kommenden Jahre und den britischen „rebate“ lenkte von den wahren Problemen ab. Chirac, schwer angeschlagen nach dem Scheitern des Referendums in Frankreich, hatte im Zusammenspiel mit Schröder und Luxemburgs Premier Juncker versucht, dem Briten den schwarzen Peter zuzuspielen. Das ist nicht so recht gelungen.

Wie erwartet hatte Blair gekontert, indem er die Agrarsubventionen ins Spiel brachte, von denen vor allem die französischen Bauern profitieren. Der Premier der Briten kann es als Erfolg verbuchen, dass er nun doch nicht als einsamer Sündenbock dastand. Auch Holland, Spanien, Finnland und Schweden lehnten einen Haushalt ab, der Europas alten Trott fortgesetzt hätte. Andere Länder, darunter Italien und Dänemark, hatten auf dezentere Art ihren Vorbehalt signalisiert. Schwedens Regierungschef Persson hatte recht, als er während des nächtlichen Gezänks bemerkte, besser sei es, ohne Ergebnis auseinander zu gehen als einen faulen Kompromiss zu beschließen.

Die Antwort auf die europäische Krise muss also erst noch gefunden werden. Das setzt eine schonungslose Bestandsaufnahme voraus. Und den Abschied von Illusionen: Die alte EU ist tot. Die Verfassung ist nicht mehr zu retten, auch wenn sich einige Regierungschef immer noch dieser Einsicht verweigern. Eliteprojekte dürfen die Völker nicht überfordern und ihnen zu weit vorauseilen. Das war in den vergangenen zehn Jahren geschehen. Die Eliten haben dafür die Quittung erhalten.

Vorbei ist es auch mit der Dominanz der französisch-deutschen Achse. Im erweiterten Europa der 25 kann sie nicht länger Kurs und Geschwindigkeit bestimmen. Die Integrationisten in Paris, Berlin und Brüssel wähnten lange Zeit die historische Logik auf ihrer Seite. Als grandioser Irrtum wurde nun ihre Hoffnung entlarvt, dass sich beides zugleich erreichen lasse – ein stärker integriertes Europa, das sich zu einem quasi staatlichen Gebilde entwickelt, und eine erweiterte Union, die sogar in den islamischen Halbmond hineinwachsen möchte. Die Briten wussten, warum sie all die Jahre auf die Erweiterung drängten.

Die neue europäische Geometrie, die sich nun herauskristallisiert, war in den vergangenen Jahren schon erkennbar geworden. Selbst der kontroverse, höchst unpopuläre Irakkrieg sah das „alte Europa“ in der Minderheit. Die Osteuropäer, ökonomisch ohnehin eher angelsächsisch orientiert, werden auch fürderhin außenpolitisch auf den Schutz Amerikas bauen. Zumal angesichts eines russischen Nachbarn, der mit Demokratie wenig im Sinn hat, dafür aber immer stärker seine imperialen Neigungen offenbart.

Das neue Europa wird folglich lockerer, wirtschaftlich liberaler und außenpolitisch eher atlantisch orientiert sein. Was zwangsläufig den Einfluss Großbritanniens erhöht. Seine wirtschaftliche Stärke verleiht ihm zusätzliches Gewicht in der überfälligen Debatte über die ökonomische Gesundung Europas. Das gilt umso mehr, als Tony Blair seinen Dritten Weg nicht nur als Rezept gegen hohe Arbeitslosigkeit und geringes Wachstum empfiehlt, sondern zugleich angesichts der beträchtlichen Umverteilung zugunsten der „ working poor “ seines Landes darauf verweisen kann, dass sich wirtschaftliche Dynamik und soziale Fairness nicht ausschließen. Diese Botschaft wird der Brite vor Übernahme der Präsidentschaft in der EU unaufhörlich verkünden. Blair will so zugleich die Karikatur vom hartherzigen, neoliberalen Britannien zurückweisen, die seine Widersacher in der EU, allen voran Jacques Chirac, als Realität verbreiten.