Tony Blair ergeht es wie dem gescheiterten EU-Verfassungsvertrag. Er hat ja so Recht. Bloß versteht ihn keiner. Das Budget der Europäischen Union sei nicht mehr zeitgemäß, erklärt der Brite seit Tagen. Wer darum den überkommenen, aber ungerechten Rabatt für den britischen Beitrag senken oder gar verschwinden lassen wolle, der müsse, so Blair, zunächst einmal über die unmäßigen, unzeitgemäßen Ausgaben für die (franzosenfreundliche) Agrarpolitik reden.

Das war, wie der gestern kurz vor Mitternacht gescheiterte EU-Gipfel zeigte, allerdings nicht etwa groß und schon gar nicht großzügig gedacht. Hier verhandelte der Brite klein, kleinlich, krämerisch. Tony Blair ist der Mr. Scrooge der Union, geizig, kaltherzig und selbstgerecht wie Charles Dickens’ vertrockneter Geschäftsmann im Weihnachtslied in Prosa .

Blair ließ sich in letzter Minute nicht einmal von den Ärmsten der Union, den neuen Mitgliedern aus dem Osten erweichen. Sie suchten zu retten, was noch zu retten war – und boten Budgetopfer an, damit die 25 Regierungen sich doch noch irgendwie einigen können. Vergebens. Und so müssen Polen und Esten, Malteser und Slowaken künftig fürs wohlhabende Britannien blechen, einen Rabatt von 4,6 Milliarden Euro finanzieren, der vor zwanzig Jahren einmal mit dem damals treffenden, heute längst verjährten Argument der Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich erfunden wurde.

Der Verfassungsvertrag auf Eis gelegt, die nächsten Erweiterungen mit lauter kleinen Fragezeichen versehen, die nötige Haushaltsplanung für die kommenden sieben Jahre erst einmal auf den nächsten Gipfel verschoben. Das sind die Signale, die Europas Völker hören sollen. In dieser Brüsseler Nacht klang das alles nicht wie ein Fanfarenstoß zum Großen Ruck, eher wie Il silenzio , eine traurig verwehte, einsame Trompete in tiefer Nacht.

„Meine Europabegeisterung hat einen tiefen Knacks bekommen“, meinte mitternächtlich Jean-Claude Juncker, der als amtierender EU-Ratspräsident nichts unversucht ließ und am Scheitern keine Schuld trägt. Er werde, meinte der Luxemburger mit gleißendem Sarkasmus, jetzt erst einmal nach Nordamerika fliegen und „dem amerikanischen Präsidenten die Stärke Europas erläutern“.

Was nun, Europa? Ausgerechnet Tony Scrooge Blair soll es nun richten. Er übernimmt am 1. Juli die Ratspräsidentschaft von Juncker (der sich weigert, dabei anwesend zu sein, mit guten Grund) und damit das zerrüttete Erbe in Sachen Haushalt. Wenn der Mann wirklich Format hat (oder muss man schon schreiben: hätte?), dann würde er sich hinsetzen und für das nächste Treffen ein ideales Budget für die Zukunft Europa präsentieren, rund 100 Milliarden jährlich für Forschung, Bildung, Innovation, für innere und äußere Sicherheit und mehr Gerechtigkeit gegenüber den Armen im eigenen EU-Haus, aber auch in jenen Ländern, die auf ihrem Zucker, ihren Bananen, ihren Gütern sitzen bleiben, weil die Union an ihren Grenzen mauert. Die Vorlage könnte dann beim übernächsten Gipfel verabschiedet werden, zum Wohle aller und im Zeichen neuer Vernunft.

Das Treffen kommt übrigens in der Weihnachtszeit. Bekanntlich endet Dickens weihnachtliche Geschichte doch noch gut. Scrooge wird (wenngleich erst beim Anblick seines eigenen, wenig schmeichelhaften Grabsteins) doch noch bekehrt, und aus dem boshaften Greis wird der Lieblingsopa aller lesenden Kinder.
Lies nach, Tony!