Die Teilnehmer der internationalen Irak-Konferenz in Brüssel haben einen größeren Schuldenerlass für den Irak gefordert. Unter Hinweis auf die bereits erfolgte Streichung von 80 Prozent der Irak-Schulden beim so genannten Pariser Club der Gläubigerstaaten werden auch die nicht dem Club angehörenden Geldgeber zu einem "vergleichbar großzügigen" Schuldenerlass aufgefordert. Dies steht nach Angaben von Diplomaten im unstrittigen Entwurf der Schlusserklärung, die am späten Mittwochnachmittag förmlich beschlossen werden sollte. Iraks Schulden bei Staaten wie Kuwait, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten werden auf rund 70 Milliarden US-Dollar geschätzt.

In der Erklärung sichern die 85 in Brüssel vertretenen Staaten und internationalen Organisationen dem Irak weitere Unterstützung zu. Sie begrüßten die Pläne Bagdads für den Wiederaufbau der irakischen Infrastruktur und sagten Hilfe zu, um die Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu sichern und eine funktionierende Verwaltung aufzubauen. Sie forderten die Staaten der Region auf, "zusammenzuarbeiten, um grenzüberschreitende Unterstützung für Terroristen zu unterbinden, gutnachbarliche Beziehungen zu stärken und die regionale Sicherheitslage zu verbessern".

Der deutsche Außenminister Joschka Fischer hat es mehrfach betont: Den Krieg im Irak kann man als Fehler betrachtet haben, aber dennoch besitzen alle Staaten ein elementares Interesse am Aufbau eines demokratischen, friedlichen und stabilen Nachkriegs-Iraks. Das bedeutet aber auch, konkret Hilfe zu leisten. "Es geht darum, den demokratischen Stabilisierungsprozess des Iraks mit internationaler Hilfe weiter voranzubringen", sagte Fischer vor Journalisten. "Am demokratischen Stabilisierungsprozess haben alle Seiten das selbe Interesse", sagte Fischer. Deutschland habe bereits durch Schuldenerlass und Ausbildung von Polizisten und Militär geholfen: "Wir sind auch bereit, wenn die Sicherheitslage es zulässt, uns stärker im Wiederaufbau auf allen Ebenen zu engagieren."

Die USA haben den Irak aufgefordert, beim politischen Wiederaufbau des Landes alle politischen Kräfte zu berücksichtigen. Außenministerin Condoleezza Rice sagte bei der Eröffnung der Irak-Konferenz, die Übergangsregierung müsse "den politischen Raum für alle Mitglieder der irakischen Gesellschaft öffnen, die Gewalt ablehnen". Sie forderte vor allem Syrien auf, nicht länger den irakischen Widerstand zu unterstützen.

Auch UN-Generalsekretär Kofi Annan wies unter Hinweis auf die für den 15. August geplante Vorlage einer neuen irakischen Verfassung darauf hin, dass diese transparent unter Teilhabe aller Gruppen erarbeitet werden müsse, damit den Bedürfnissen aller Gesellschaftsgruppen entsprochen werden könne. Die internationale Gemeinschaft will vor allem erreichen, dass die sunnitische Minderheit sich - anders als bei den Wahlen vom Januar - politisch beteiligt fühlt. "Ein Konsens erfordert einen Kompromiss, aber wir haben gesehen, dass ein Kompromiss möglich ist und dass er Früchte trägt", sagte Annan.

Auch der derzeitige EU-Ratsvorsitzende, Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn, unterstrich: "Nur ein alle Gruppen einschließender Prozess erlaubt das Entstehen einer souveränen Regierung, die alle Teile der irakischen Gesellschaft repräsentiert." Asselborn führt gemeinsam mit Rice den Vorsitz in der Konferenz, die von Diplomaten auch als Schlussstrich unter die Meinungsverschiedenheiten zwischen den USA und europäischen Ländern in der Frage des Irak-Kriegs gesehen wird.

Die Konferenz in Brüssel soll der Regierung von Präsident Dschalal Talabani und Ministerpräsident Ibrahim al-Dschafari die Gelegenheit bieten, ihre Vorstellung vom künftigen Irak darzulegen und vor allem die Beziehungen zu den Nachbarstaaten zu verbessern. Eine Geberkonferenz ist für Juli in Amman (Jordanien) geplant. Das internationale Irak-Treffen war im Februar beim Besuch von US-Präsident George W. Bush in Brüssel vereinbart worden. "Europa war in der Frage des Irak-Kriegs gespalten, aber jetzt sind wir wieder einig", sagte Asselborn.