"In Europa keimt neue Hoffnung auf."

(Erster Satz des Programms der Partei der Europäischen Linken)

Na ja, da hatten die alten Meister aus Deutschland einst mehr Sinn für Ironie und rhetorische Würze. "Ein Gespenst geht um in Europa" – das war ein Einstieg. In ihrem legendären Manifest kamen Karl Marx und Friedrich Engels gleich mit dem ersten Satz zur Sache. Kein Gesäusel von zart keimender Hoffnung, während rundum der Kapitalismus tobt. Klare Worte zur aktuellen Lage: "Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet." Freilich, nicht nur gelehrigen Schülern des Marxismus sind diese historischen Passagen geläufig. Die Sache mit dem Gespenst – natürlich ging es um "das Gespenst des Kommunismus" – wird heutzutage von Hinz und Kunz zu jedwedem Anlass zitiert, in der Regel als Kalauer. Niemanden gruselt’s mehr – die Historisierung tut ihre verharmlosende Arbeit auch hier.

Dagegen wirkt das Gründungsmanifest der Europäischen Linkspartei irgendwie harmlos von Anbeginn, sperrig und bieder, uninspiriert. Aber die Autoren sind ja auch ungenannt, Funktionäre aus den 15 linken Kleinparteien, von der deutschen PDS über Frankreichs, Italiens und Spaniens Kommunisten bis zu einigen linksradikalen Randgruppen aus Rumänien, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Im Mai 2004 schufen sie sich in Rom einen Dachverein, in dem die Linkspopulisten aller Länder sich vereinigen können. Ein buntes Bündnis von Parteien, die daheim hin und wieder mitregiert haben, wie die Kommunisten aus Frankreich oder Finnland, Parteien, die ihre Regierung parlamentarisch unterstützen, wie die Linken aus Schweden oder Spanien, wie die PDS in Schwerin und Berlin, und Parteien, die den Kapitalismus und dessen Helfer, besonders Sozialdemokraten, in allen Lebenslagen bekämpfen, wie die niederländischen Sozialisten, Frankreichs Trotzkisten, Italiens Rifondazione oder der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine; er und seine Wahlalternative sind allerdings noch nicht Mitglied in diesem Klub von Rom.

Der Populismus dieser Linken ist mit dem, der vom rechten europäischen Rand herkommt, ganz und gar nicht zu verwechseln, trotz mancher Berührungspunkte, vor allem beim Thema Europa. Die linken Agitatoren gegen die EU-Verfassung freilich ("Wir sind für Europa, aber…") müssen sich schon anstrengen, nicht mit den Antieuropäern von rechts, deren Antiparlamentarismus und Fremdenfeindlichkeit verwechselt zu werden. Im Kampf für die Erhaltung des Sozialstaats streiten beispielsweise die dänischen Linken – zwei Kleinparteien neben der Sozialdemokatie – Seit an Seit mit der berüchtigten rechtspopulistischen Folksparti. So kommt vieles zusammen, was nicht zusammengehört.

Wer sind die Lautsprecher des Nein zu Haushaltskonsolidierung, zum Dritten Weg, zu Sozialstaatsreformen? Die meisten kennt man nur im jeweils eigenen Land, dort aus den Talkshows und aus diversen Kampagnen, wie zum Beispiel die Präsidentschaftskandidaten der Trotzkisten in Frankreich, Olivier Besancenot und Arlette Laguiller, oder den freundlichen Arzt Gaspar Llamazares in Spanien, den kampfstarken Altmaoisten Jan Marijnissen in Holland, die streitbare Feministin Gudrun Schyman in Schweden, die bildungspolitische Aktivistin Pernilla Rosenkrantz-Theil in Dänemark oder eben den "bunten Hund" der PDS aus Berlin, Gregor Gysi. Internationalen Klang haben wenige Namen aus dieser Szene. Oskar Lafontaine ist einer davon. Vor allem aber der Patriarch des europäischen Linksradikalismus, Fausto Bertinotti. Er ist auch der Vorsitzende der neuen Europäischen Linkspartei.

Wenn einer, apropos Kommunistisches Manifest, als Gespenst umgeht, dann er. Sein Name ist Programm. Denn dieser linkspopulistische Salonlöwe mit Sinn für elegante Kleidung, gutes Essen und schöne Frauen ist immerhin der Mann, der Romano Prodi und dessen erfolgreiche Mitte-links-Regierung gestürzt hat und gegen den keine neue Regierung der Linken gebildet werden kann. Für sie ist er der Feind im eigenen Haus: der Bündnispartner als Brandstifter.

Damit hat Fausto Bertinotti, Chef der Rifondazione Comunista ("Kommunistische Neugründung"), eine Art Symbolfunktion. Sozialistische Fundamentalisten wie er und linkspopulistische Parteien mit kommunistischen Traditionsbeständen im Programm gehören seit langem zur europäischen Realität. Sie gingen meistens aus den alten kommunistischen Parteien hervor, manche ohne wirklichen Bruch mit dem leninistischen Erbe. Obwohl sie zum Teil sozialdemokratische Regierungen stützen, haben sie doch immer wieder auch dazu beigetragen, Mitte-links-Regierungen zu stürzen oder zu verhindern. Gern zitieren Sozialdemokraten – oder auch Linksdemokraten wie Joschka Fischer – ein anderes geflügeltes Wort aus dem Sprachschatz der alten Kommunisten: Lenins Bild von den "nützlichen Idioten", den – unfreiwilligen – Helfern des klassenpolitischen Gegners. Dafür steht Bertinotti – der Mann, der Silvio Berlusconi den Weg zur Macht eröffnete.