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Suchende vor dem Objektiv

Chinas Kino ist das beste und lebendigste der Welt. Woran liegt das?

Auf den letzten Berliner Filmfestspielen, als nach der Vorführung eines chinesischen Films eine Publikumsdiskussion entbrannte, machte ein Zuschauer die denkwürdige Bemerkung, dass angesichts der Lebendigkeit und Vielfalt des chinesischen Kinos alle anderen Filmländer demnächst einpacken könnten.

Das mag übertrieben klingen. Und doch hat kein anderes Kinoland im letzten Jahrzehnt explosionsartig einen solchen Formenreichtum hervorgebracht. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich eine staatlich kontrollierte und zensierte Filmproduktion zu einer Kinolandschaft, die emsig Underground, Entertainment und international kofinanzierte Arthouse-Projekte produziert. Und deren Filme sowohl auf ausländischen Festivals als auch an den einheimischen Kassen reüssieren. Aber was macht dieses Kino so lebendig? Warum wirkt es so konsequent, direkt, authentisch – abgesehen von der Tatsache, dass es seine Geschichten quer durch die Genres und Budgets auf einem schwindelerregend hohen ästhetischen Niveau erzählt?

Dass das chinesische Kino mehr ist als eine Mischung aus großer Oper und linker Agitation, ja dass in China ein völlig neues Kino im Entstehen war, das opulente Bilder und episches Erzählen mit einem politischem Anliegen verband – diese Erkenntnis schoss 1988 wie eine kulturästhetische Leuchtrakete ins westliche Bewusstsein: Durch den Berlinale-Gewinn von Zhang Yimous Das rote Kornfeld wurde die fünfte Generation chinesischer Filmemacher mit einem Schlag bekannt. Genau wie sein Kollege Chen Kaige, dessen Film Lebewohl, meine Konkubine 1993 in Cannes die Goldene Palme gewann, gehört Zhang zur einer Gruppe von Regisseuren, die in ihrer Jugend überzeugt an der Kulturrevolution teilnahmen, deren Zerstörungen inzwischen jedoch kritisch und vor allem selbstkritisch sahen. In Rotes Kornfeld dokumentierte Zhang die jahrtausendealten ländlichen Bräuche und Traditionen, die er als junger Rotgardist vernichten half. In Lebewohl, meine Konkubine , einem Film über zwei Darsteller der Peking Oper, stellte sich Chen Kaige dem eigenen Versagen angesichts der kommunistischen Indoktrination: dem Verrat am eigenen Vater.

Inzwischen befinden sich Chen Kaiges und Zhang Yimous stilisierte Bildwelten in Gesellschaft von jüngeren Regisseuren, ungefilterten Blicken und unaufwendiger erzählten Geschichten, doch allen gemeinsam ist der Drang, sich den historischen Verwerfungen und schockartigen sozialen Umbrüchen des eigenen Landes zu stellen. Kein anderes Land untersucht seine jüngste Geschichte auf der Leinwand so hellsichtig. Keine Gesellschaft befragt sich im Kino zurzeit so schonungslos wie die chinesische.

Zwischen greller Warenwelt und postkommunistischer Tristesse

Dass es in China auch ein unabhängiges Kino gibt, das von unten auf die Verhältnisse blickt und sich unerschrocken noch in die härtesten Alltagsgeschichten stürzt, bewies 1998 ein bewegender kleiner Film, der im Forum der Berlinale lief und dort ungeheure Wirkung zeigte. Jia Zhang Kes Film Xiao wu folgt dem Schicksal eines Taschendiebes in der Provinz Shanxi. Es ist ein Leben zwischen kleinen Coups und illegalen Bordellbesuchen, kriminellen Ausbruchsträumen und den autoritären Ritualen einer Regierung, die die Verbrecher über Lautsprecher auffordert, sich freiwillig zu stellen. Manchmal werden die nüchternen Bilder von hart eingeschnittenen Popsongs aufgerüttelt, dann wieder überlässt sich die Tonspur dem monotonen Geklapper und Verkehrsrauschen der Provinzmetropole.

Inzwischen gehört Jia Zhang Ke zu den wichtigen chinesischen Regisseuren. Alle seine Filme erzählen von den Sehnsüchten der so genannten kleinen Leute, ihrer Suche nach Glück, ihrer Verlorenheit in einer Übergangsgesellschaft, die sich jeden Tag von neuem selbst zu überholen scheint. Eine wunderbare Szene seines Films Unknown Pleasures bringt alles auf den Punkt: In einer abgerissenen Provinzkneipe verkündet eine Fernsehansagerin mit hysterischem Aktionismus die neuesten Olympiapläne der chinesischen Führung, während die beiden Helden mit hängenden Schultern ins Nichts starren.

Immer wieder widmet sich das junge chinesische Kino den Driftern, Suchern und Wanderern, die vom Rande auf die grellen Versprechungen der Warenwelt blicken, ihr eigenes Dasein jedoch in postkommunistischer Tristesse fristen. In Nin Yings Film I love Bejing wird ein einfacher Taxifahrer zum Helden eines Films, der die chinesische Hauptstadt als Megametropole des 21. Jahrhunderts schildert. Vorbei an Hochhausskeletten und lichtlosen Geisterstädten führen die Fahrten zu teuren Hotelbars, in denen die westlichen Absahner ihre Dollars verzechen. Aus dem Nebeneinander von Hochfrequenzkapitalismus und Pfennigsuppen, nackter Armut und den schrillen Handygesprächen der Boom-Gewinnler entsteht der eigentümliche, auch extreme Reiz dieses Films.

Und während die einen betrachten, wie die neue Wirtschaftsform ihre eigenen Städte formt, schauen die anderen, wie die alte in der Provinz zusammenbricht. Mit existenzialistischer Härte erzählt Blinder Schacht von Li Yang von den Zuständen in den chinesischen Kohlegruben, die manchmal, wenn wieder ein Stollen einstürzt, als Nachricht in die westlichen Medien gelangen. Sein Film, der vor zwei Jahren den Silbernen Bären der Berlinale gewann, handelt von Bergarbeitern, die ihre Kumpel ermorden, um anstelle von deren Familie die Entschädigung zu bekommen. Was bleibt in diesen Abgründen von einem Leben? Ein Bündel zerfledderter Scheine und eine Urne, deren Inhalt in die Toilette gekippt wird.

Angesichts dieser Geschichten ist nicht weiter verwunderlich, dass der Dokumentarfilm die extremen Einblicke in die chinesische Wirklichkeit bietet, ja dass die kleinen digitalen Kameras in einer so unerbittlich in die Zukunft dirigierten Gesellschaft zwangsläufig zu kritischen Bewahrern, Beobachtern und Archivaren werden. Ein Jahrhundert-Unternehmen, vielleicht der bisher beste Dokumentarfilm über Arbeiten und Leben im Industriezeitalter, ist Wang Bings Film Tiexi District. Fünf Stunden lang filmt der Autor den Alltag in der chinesischen Schwerindustriestadt Tiexi. Er folgt den Arbeitern in die Höllenschlünde der rostigen, permanent von Unfällen lahm gelegten Hochöfen. Er begleitet die Arbeiter frühmorgens in den Schichtdienst, bis in die Waschräume und nach Hause zu ihren Familien. Er zeigt den Niedergang der Stahlregion, die Schließung und den Verfall der Fabriken. Einmal, beim Frühstück, erfährt man nebenbei, dass allein in Tiexi zehntausend Menschen ihre Arbeit verloren haben. Teixi District ist ein Monster von einem Dokumentarfilm, ein Abgesang auf eine Region, die in den Wirtschaftsvisionen der chinesischen Führung nicht mehr vorkommt, und ein Denkmal für die Menschen, die dabei auf der Strecke bleiben.

Vielleicht ist der chinesische Film zurzeit so ungemein lebendig, weil er permanent von verschwindenden Lebensweisen, aber auch von neuen Versprechungen und Identitäten erzählt. Womöglich filmt und dokumentiert man anders, einfach existenzieller, wenn ein Land von den Zeitläuften überrollt wird und Kinomachen buchstäblich ein Akt des Festhaltens ist. Weil die Menschen vor dem Objektiv schon morgen anders leben, wohnen, arbeiten könnten. Aber auch weil ihre Fabriken demontiert und ihre Häuser abgerissen werden – oder gerade unter den Fluten des gigantischsten Staudammprojekts der Menschheitsgeschichte begraben werden.

In dem Dokumentarfilm Before the Flood von Yan Yu und Li Yifan, der zurzeit bei uns im Kino läuft, ist der Kamera diese vorsichtig bewahrende Haltung in jeder Sekunde anzumerken. Zwei Stunden widmet sie sich dem Leben einer kleiner Stadt, die unter dem Wasser des Jangtse verschwinden wird – vielleicht auch schon verschwunden ist. Wir sehen erregte Diskussionen im Parteibüro, aus denen hervorgeht, dass nicht jeder entschädigt wird. Stumm steht ein alter Veteran, der sein gesamtes Hab und Gut verlieren wird, vor dem Schreibtisch. Wir sehen Träger, die zentnerschwere Kübel mit dem täglichen Fischfang einen unglaublich steilen Weg hinaufwuchten. Drei, vier, fünf, sechs Mal an einem Vormittag. Wir sehen Männer, die immer schuften werden, heute oder morgen, Staudamm oder nicht. Wir sehen eine Gesellschaft, deren Macht und Faszination von den Menschen rührt, die im Rhythmus einer für den westlichen Betrachter schier unfassbaren Maloche leben. Und die mittags dennoch zufrieden kleine Witze über einem Schälchen Reis reißen. Zumindest im Kino ist China ein Land aus lauter krummen Rücken. Ein Drache, ein Riese.

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  • Von Katja Nicodemus
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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