china Suchende vor dem ObjektivSeite 2/2
Und während die einen betrachten, wie die neue Wirtschaftsform ihre eigenen Städte formt, schauen die anderen, wie die alte in der Provinz zusammenbricht. Mit existenzialistischer Härte erzählt Blinder Schacht von Li Yang von den Zuständen in den chinesischen Kohlegruben, die manchmal, wenn wieder ein Stollen einstürzt, als Nachricht in die westlichen Medien gelangen. Sein Film, der vor zwei Jahren den Silbernen Bären der Berlinale gewann, handelt von Bergarbeitern, die ihre Kumpel ermorden, um anstelle von deren Familie die Entschädigung zu bekommen. Was bleibt in diesen Abgründen von einem Leben? Ein Bündel zerfledderter Scheine und eine Urne, deren Inhalt in die Toilette gekippt wird.
Angesichts dieser Geschichten ist nicht weiter verwunderlich, dass der Dokumentarfilm die extremen Einblicke in die chinesische Wirklichkeit bietet, ja dass die kleinen digitalen Kameras in einer so unerbittlich in die Zukunft dirigierten Gesellschaft zwangsläufig zu kritischen Bewahrern, Beobachtern und Archivaren werden. Ein Jahrhundert-Unternehmen, vielleicht der bisher beste Dokumentarfilm über Arbeiten und Leben im Industriezeitalter, ist Wang Bings Film Tiexi District. Fünf Stunden lang filmt der Autor den Alltag in der chinesischen Schwerindustriestadt Tiexi. Er folgt den Arbeitern in die Höllenschlünde der rostigen, permanent von Unfällen lahm gelegten Hochöfen. Er begleitet die Arbeiter frühmorgens in den Schichtdienst, bis in die Waschräume und nach Hause zu ihren Familien. Er zeigt den Niedergang der Stahlregion, die Schließung und den Verfall der Fabriken. Einmal, beim Frühstück, erfährt man nebenbei, dass allein in Tiexi zehntausend Menschen ihre Arbeit verloren haben. Teixi District ist ein Monster von einem Dokumentarfilm, ein Abgesang auf eine Region, die in den Wirtschaftsvisionen der chinesischen Führung nicht mehr vorkommt, und ein Denkmal für die Menschen, die dabei auf der Strecke bleiben.
Vielleicht ist der chinesische Film zurzeit so ungemein lebendig, weil er permanent von verschwindenden Lebensweisen, aber auch von neuen Versprechungen und Identitäten erzählt. Womöglich filmt und dokumentiert man anders, einfach existenzieller, wenn ein Land von den Zeitläuften überrollt wird und Kinomachen buchstäblich ein Akt des Festhaltens ist. Weil die Menschen vor dem Objektiv schon morgen anders leben, wohnen, arbeiten könnten. Aber auch weil ihre Fabriken demontiert und ihre Häuser abgerissen werden – oder gerade unter den Fluten des gigantischsten Staudammprojekts der Menschheitsgeschichte begraben werden.
In dem Dokumentarfilm Before the Flood von Yan Yu und Li Yifan, der zurzeit bei uns im Kino läuft, ist der Kamera diese vorsichtig bewahrende Haltung in jeder Sekunde anzumerken. Zwei Stunden widmet sie sich dem Leben einer kleiner Stadt, die unter dem Wasser des Jangtse verschwinden wird – vielleicht auch schon verschwunden ist. Wir sehen erregte Diskussionen im Parteibüro, aus denen hervorgeht, dass nicht jeder entschädigt wird. Stumm steht ein alter Veteran, der sein gesamtes Hab und Gut verlieren wird, vor dem Schreibtisch. Wir sehen Träger, die zentnerschwere Kübel mit dem täglichen Fischfang einen unglaublich steilen Weg hinaufwuchten. Drei, vier, fünf, sechs Mal an einem Vormittag. Wir sehen Männer, die immer schuften werden, heute oder morgen, Staudamm oder nicht. Wir sehen eine Gesellschaft, deren Macht und Faszination von den Menschen rührt, die im Rhythmus einer für den westlichen Betrachter schier unfassbaren Maloche leben. Und die mittags dennoch zufrieden kleine Witze über einem Schälchen Reis reißen. Zumindest im Kino ist China ein Land aus lauter krummen Rücken. Ein Drache, ein Riese.
- Datum 16.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.06.2005 Nr.25
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