Nach vierzig Jahren Abschottung muss sich Europas Zuckerindustrie auf harten Wettbewerb einstellen. Die garantierten, deutlich über dem Weltmarktniveau liegenden Preise für Rüben und Zucker sollen drastisch gesenkt werden. Entsprechende Vorschläge machte die EU-Kommission am Mittwoch in Brüssel den 25 Mitgliedstaaten, die nun über die Reformpläne beraten und beschließen müssen.

Der deutsche Bauernverband und die deutsche Zuckerindustrie protestierten scharf und befürchten den Verlust von tausenden Arbeitsplätzen. Der zuckerverarbeitenden Industrie gehen die Pläne hingegen nicht weit genug. Sie fordert rasch niedrigere Preise im Sinne der Verbraucher. Deutschland ist nach Frankreich zweitgrößter Zuckerproduzent der EU.

EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel verteidigte die Pläne. "Es gibt keine Alternative zu einer grundlegenden Reform", sagte sie. "Am einfachsten wäre es, die Hände in den Schoß zu legen. Aber das würde den langsamen und schmerzlichen Tod des europäischen Zuckersektors bedeuten."

Der EU-Zuckerpreis ist etwa drei Mal so hoch wie der Weltmarktpreis. Die Marktordnung läuft zum 1. Juli 2006 aus. Die Kommission will die neue Regelung bis zum Wirtschaftsjahr 2014/15 festschreiben.

Die Preissenkungen sollen in zwei Schritten binnen zwei Jahren kommen. Für weißen Zucker soll der Preis um 39 Prozent verringert werden: von derzeit 631,9 Euro auf 385,5 Euro je Tonne. Für Zuckerrüben soll der Preis um 42,6 Prozent herabgesetzt werden: von jetzt 43,6 Euro auf 25,05 Euro je Tonne. Die Landwirte sollen zu sechzig Prozent durch eine so genannte entkoppelte Prämie entschädigt werden. Das heißt, sie bekommen das Geld dann garantiert und unabhängig von der Menge der Produktion. Allerdings müssen sie umweltschonend anbauen. Die Kommission plant zudem einen Topf für die Branche, um unrentablen Produzenten den Ausstieg schmackhaft zu machen.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, nannte die Vorschläge "unerhört, unerträglich und unverantwortlich". Die Pläne seien eine Kampfansage, sagte am Rande des Bauerntages in Rostock. "Wir nehmen mit allen und mit jedem den Kampf auf." Die Bauern würden nicht auf Einkommen verzichten, damit Brasilien zum weltweiten Monopolisten werde. Die Zuckermarktordnung ist nach Verbandsangaben Existenzgrundlage für mehr als 46.000 Bauern und mehr als 26.000 Beschäftigte der Zuckerbranche.

Die EU-Kommission hatte hingegen 2004 klar gemacht, dass die Zuckermarktordnung keineswegs zum Erhalt der Arbeitsplätze beitrage. Binnen zehn Jahren seien 17.000 Arbeitsplätze in der Industrie abgebaut worden. Seien 1990 noch 240 Raffinerien gezählt worden, so seien es 2001 nur noch 135 in der EU gewesen.