arbeiten Es geht um Mord

Profiler nennt man sie in Amerika, Tatortanalytiker heißen sie in Deutschland. Sie kommen zum Einsatz, wenn die herkömmlichen Ermittlungsmethoden versagen

Axel Petermann wählt seine Worte vorsichtig. Das bringt der Beruf so mit sich. Seine blonden Haare fallen ihm wild ums Gesicht, fast bis in den Schnäuzer. Man kann sich vorstellen, dass Petermann Geheimnisse aufspürt. »Verbrechen geschehen, darauf hat man keinen Einfluss«, sagt er bedächtig. Manchmal handelt es sich dabei um Mord. Und wenn Kapitalverbrechen mit konventioneller Polizeiarbeit nicht aufgeklärt werden, kommen Profiler ins Spiel. Profiler wie Axel Petermann.

Die psychologischen Schnüffler vertiefen sich in die Handschrift, die ein Mörder am Tatort hinterlässt, und stellen Fragen, die über den Polizeialltag hinausgehen. Vor allem immer wieder eine Frage: Was hat der Täter getan, das er nicht hätte tun müssen, um dieses Verbrechen zu begehen?

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An einer Pinnwand in Axel Petermanns Büro hängt ein Luftbild. Es zeigt einen herbstlichen Feldweg am Rand eines Waldes in Niedersachsen, mehrere Autos stehen darauf. Auf einer Nahaufnahme ist ein blauer Müllsack zu sehen, von Zweigen bedeckt. Darin liegt die Leiche von Adelina. Die zehnjährige Russlanddeutsche verschwand 2001 auf dem Weg von der Wohnung ihres Großvaters zu der ihrer Mutter. Eine Pilzsammlerin fand die Leiche drei Monate später in einem Waldstück. Was ist für Petermann bedeutsam an diesem Bild? »Entscheidungen des Mörders spiegeln seine Persönlichkeit.« Der Täter hat nicht einfach die Autotür geöffnet und den Plastiksack herausgeworfen, sondern ihn 20 Meter in den Wald geschleppt. Dieser Zeitverlust bedeutete für ihn ein Risiko – er fühlte sich offenbar sicher. Das ist für Petermann ein bedeutsames Detail. »Wir versuchen zu erklären, warum er die risikoreiche Möglichkeit gewählt hat.«

Mörder sind frei, zu entscheiden, ob sie erschießen, erstechen, erwürgen; sie können tödlich zustechen oder quälen. Manche Täter versuchen, ihre Tat symbolisch wiedergutzumachen, indem sie ihr Opfer waschen oder zudecken. Oder sie begehen einen Overkill: Der Mensch ist längst tot, doch der Täter drischt wieder und wieder auf sein Opfer ein. Solche Details können Aufschluss über das Tatmotiv geben, das wiederum Teil des Täterprofils ist. Diese Entscheidungen können wie ein Code gelesen werden, als Schlüssel zur Psyche des Täters.

Der Mörder Adelinas nahm sich viel Zeit. Er schleppte ihre Leiche in den Wald, ordnete Äste symmetrisch an und vergrub ihre Kleidung in der Nähe. Vielleicht fühlte er sich so sicher wie Marc Hoffmann, als der die achtjährige Levke ermordete und ihre Leiche provisorisch in einem Waldstück bei Cuxhaven versteckte, um sie am nächsten Tag trotz Polizeikontrollen in den Kofferraum zu verladen und in ein besseres Versteck im Sauerland zu bringen. Den Mord an Levke und dem achtjährigen Felix hat Hoffmann gestanden. Hat er auch Adelina getötet?

Diese Frage ist der Grund, warum die alten Fotos vom »Tatort Adelina« heute noch im Polizeipräsidium Bremen an der Pinnwand hängen, Block C, Abteilung K34 – Operative Fallanalyse (OFA). Axel Petermann hat die OFA aufgebaut, nachdem er 20 Jahre lang Mordfälle geklärt hat, zuletzt als Leiter der Mordkommission. Petermann ist ein Experte auf dem Gebiet, was landläufig Profiling genannt wird – doch einen Profiler mag sich der Kriminalhauptkommissar nicht nennen. Der Ausdruck sei reserviert für die amerikanischen Kollegen, die gingen anders vor. Etwa 100 Spezialermittler gibt es beim Bundeskriminalamt und in allen 16 Landeskriminalämtern Deutschlands.

Petermanns Büro sieht etwas vernachlässigt aus, so, als fühle er sich nicht besonders wohl darin. Tatsächlich vermisst der 51Jährige manchmal die nächtlichen Rufe zum Tatort. Fallanalyse spielt sich am Schreibtisch ab: Das dreiköpfige OFA-Team um Petermann vergleicht Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten, interpretiert die Befunde der Ermittler und reichert sie mit dem Spezialwissen von Sachverständigen an. Petermann arbeitet eng mit Kriminalisten, Psychologen und Pathologen zusammen.

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