Manchmal ist die Welt doch eine Scheibe. Und Professor Willmut Kumpfe trägt sie unter dem Arm. Die Scheibe hat 1,50 Meter im Durchmesser, ist bespannt mit Stoff, versehen mit vier kleinen Taschen auf der Oberfläche. Eine Spiel-Welt. Kumpfe trägt sie schnurstracks in sein hinter Baugerüsten verborgenes Büro.

"Die Scheibe können vier Personen in den Händen halten, darauf einen Ball hin und her rollen lassen und ihn in die Fächer bugsieren." Kumpfe erklärt das Gerät voller Stolz. Susann Kaluza, eine seiner Studentinnen, hat es konzipiert und hergestellt. Sie ist eine von 40 angehenden Spiel- und Lernmitteldesignern. Diese Fachrichtung können Studenten des Industriedesigns an der Burg Giebichenstein wählen, der Hochschule für Kunst und Design am Ufer der Saale in Halle.

"Zielen, spielen, treffen" lautete die Aufgabenstellung, die zur Entstehung der Scheibe führte. Die Themen sind meistens allgemein gehalten, sie sollen der Kreativität Raum bieten. Stets muss am Ende ein Modell stehen, das erprobt werden kann. "Sie müssen hier kein Handwerker sein", sagt Kumpfe, "aber es ist gut, wenn Sie’s sind." Oft reiche es nicht, sich Dinge äußerlich vorzustellen, man müsse ihre Substanz begreifen – und sie dazu selbst modellieren.

So sind die Studierenden denn auch sehr häufig in den hochschuleigenen Werkstätten anzutreffen. Sie nähen, drechseln, sägen, hämmern. Nicht jedem fällt das leicht, aber jeder muss schon vor dem Studium einen entsprechenden Beruf erlernt oder ein Praktikum gemacht haben.

Santiago Correa hat in einer Holzfirma gearbeitet. Damals kreierte der Kolumbianer sein erstes Spielzeug, die Arche Noah, zusammenzusetzen aus kleinen Holztieren, die am Ende gemeinsam das Schiff bilden. Bereits in seiner Heimat studierte der 28-Jährige Industriedesign, in Halle spezialisiert er sich nun auf Spielzeuge. "Bei uns gibt es das nicht", sagt Correa. "Dabei ist es toll. Es fühlt sich an wie ein Hobby." Er möchte später gern therapeutisches Spielzeug entwerfen, denn Spielzeug könne kranken Kindern helfen.

Nicht nur denen. Erika Prinz, künstlerische Mitarbeiterin am Lehrstuhl, sagt: "Spielen heißt immer auch lernen. Wir wissen das, Außenstehende oft nicht." Um den Zusammenhang deutlich zu machen, reden die Hallenser von Spiel- und Lernmitteln, wenn sie Spielzeug meinen.

In den zehn Semestern, die das Studium normalerweise dauert, stehen auch Vorlesungen zur Spieltheorie, zur Psychologie und zur Rehabilitationspädagogik auf dem Stundenplan, neben Einführungen in die Kunstgeschichte und das Werkstoffverhalten. Meist besuchen die Studenten die Veranstaltungen gemeinsam mit Kommilitonen aus anderen Designbereichen, mitunter kommen auch Lehrkräfte nur für sie.

"Ein Spiel- und Lernmitteldesigner muss alles können, was ein normaler Designer kann. Darüber hinaus muss er Spezialwissen haben über die Entwicklung von Kindern, ihr Bedürfnis nach Spielen, ihr Verhältnis zu Spielzeug und zu den Erwachsenen", zählt Willmut Kumpfe auf. "Dazu braucht er eine künstlerische Begabung, aber auch eine ganz praktische: Er muss Dinge gestalten, die gut aussehen, handfest und witzig sind." Schon der Schriftsteller Jean Paul schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts: "Ein Spielzeug gibt Genuss durch seine Erscheinung und dann Heiterkeit durch seinen Gebrauch."