50 Filmklassiker Sex und Wahnsinn

Nagisa Oshimas "Im Reich der Sinne".

Ein Mann und eine Frau lernen sich kennen und können nicht mehr voneinander lassen. Das ist auch schon die Handlung des einzigen Pornos, der Filmgeschichte geschrieben hat. Ganz selbstverständlich greift der japanische Regisseur Nagisa Oshima Motive des handelsüblichen Sexfilms auf. Etwa wenn er in einer extremen Großaufnahme die zitternden Lippen der Frau zeigt, das vor Lust verzerrte Gesicht des Mannes oder die nach dem Orgasmus immer weicher werdenden Gesichtszüge der Liebenden. Doch bei Oshima faszinieren diese eindeutigen Bilder, Gesten und Zeichen, weil sie direkt aus der Lust und dem Verlangen einer obsessiven Liebe entstehen. In Im Reich der Sinne ist das Pornografische nicht bloßer Schauwert, sondern das eigentliche Thema des Films.

Im Grunde träume jeder Regisseur davon, den Tod und den Sex zu filmen, schrieb Oshima einmal in einem Essay. Und so versucht er sich an einer Quadratur des Kreises: Er reklamiert die Grenzüberschreitung, die Großaufnahme der Geschlechtsteile als Material des Autorenkinos und fordert gleichzeitig ihre Enttabuisierung. So entstand der erste ernsthafte Porno-Skandalfilm, ein konsequent-radikales Meisterwerk, das 1976 auf der Berlinale prompt beschlagnahmt wurde.

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Im Reich der Sinne ist ein Pornofilm, in dem sich die Kamera nicht wie ein Voyeur gebärden muss. In streng aufgebauten erotischen Tableaus lässt sie sich auf die Lust des Paares ein, ohne sie je auszustellen. Manche Einstellungen erinnern in ihrer klaren Zeichenhaftigkeit an die traditionellen japanischen Farbholzschnitte. Aufrecht sitzend begleiten die Geishas im Bildhintergrund das Liebesspiel mit Gesängen. Ihre weiß geschminkten Gesichter bleiben völlig starr, während sich die Körper der Liebenden aufbäumen und ihr Minenspiel außer Kontrolle gerät.

Nichts scheint vor diesem Paar und seinem Liebesspiel sicher, alles wird absorbiert und sexualisiert. Auch das Essen. Einmal steckt sich die Frau ein Ei vor dem Verzehr zwischen die Beine, während sich der Mann an ihrem Stöhnen erfreut. Später spielt die Frau mit zwei nackten Kindern. Zunächst ist es ein unschuldiges Spiel, doch dann beginnt sie, den kleinen Jungen sexuell zu belästigen. Auch von dem Geschlechtsteil des Geliebten kann sie nicht mehr lassen. Zeigt er sich erschöpft, beginnt sie ihn zu würgen, um seine sexuellen Reflexe zu aktivieren. Die Lust wird zur Sucht, zum System, zum Gefängnis. Bald verlassen die beiden kaum mehr das Zimmer.

Diese zunehmend gewalttätigen Szenen haben etwas seltsam Berührendes. Geht doch von der Besessenheit dieses Paares eine ungeheure Verzweiflung aus. Wie eingesperrt wirken die beiden Liebenden in einem pornografischen Diskurs über Sexualität und Macht. Es ist ein Diskurs, der den Mann zum reinen Objekt und zur Befriedigungsmaschine macht. Oshima hat diesen Film stets als Befreiungsschlag gegen männliche Dominanz und traditionelle Geschlechterverhältnisse gesehen. Doch ist er zu hellsichtig, um uns die Utopie oder den Gegenentwurf vorzugaukeln. Was bleibt, sind Tod, Kastration, und Wahnsinn.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 23.06.2005 Nr.26
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  • Schlagworte Film | Filmgeschichte | Gesang | Sexualität | Sucht | Regisseur
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