Was soll der Roman?

Martin R. Dean, Thomas Hettche, Matthias Politycki und Michael Schindhelm

Mitte. Vorn, ganz vorn sind immer noch die großmäuligen Alten, die Deutungshoheiten mit und ohne Pfeife. Dicht gefolgt von den einst nicht minder lärmenden Damen und Herren um die sechzig, den Emanzipierten um jeden Preis, die sich in splendider Isolation eingerichtet haben und aus dieser von Zeit zu Zeit mit steiler Geste zu Wort melden. Hinten und deshalb auch wieder ganz vorn, sobald der Betrieb plötzlich kehrtum macht (hat er das nicht schon?), die Dienstleister gestriegelter Populärliteratur und die mehrheitlich TechnikerInnen einer unerschöpflichen Ästhetik der Erschöpfung. Dazwischen – ja dazwischen das adulte Mittelfeld.

Man könnte sagen, das Mittelfeld zeichnet sich dadurch aus, dass es sich nicht auszeichnet. Der diskrete Charme dieser Gruppe ist ihre Gelassenheit gegenüber der Macht, ihre Empfindlichkeit gegenüber allem Lauten, ihre hartnäckige Weigerung, die Hand nach dem Ruder des gesellschaftlichen Diskurses auszustrecken. Im Mittelfeld trifft man meist freundliche Menschen, die zu früh gelernt haben, dass, wer nicht zurückschlägt, auch nicht mehr geschlagen wird, Leute, die Größe nie unter ihresgleichen suchen würden und einen gut begründeten Verdacht gegen politisches Engagement und öffentliche Intervention hegen. Sie verbindet, dass sie anscheinend nichts verbindet. Nichts Bewegendes. Der Weg vom Ich zum Wir scheint unendlich lang. Zonenkinder des Kalten Krieges, in ostwestlicher Spiegelsymmetrie aufgewachsen, wurden alle spätestens 1989 unverhofft ins Mittelfeld entlassen.

Könnte das Mittelfeld je die Mitte stellen? Es könnte. Wenn die vergangenenen fünfzehn Jahre nicht eine Zeit der Fäulnis, sondern der Reife waren, dann müsste jetzt mit den Erntearbeiten begonnen werden. Es ließe sich tatsächlich versuchen, »wir« zu sagen und herauszufinden, was passiert.

Die Zurückhaltung gegenüber den Machtinstrumenten des Betriebs aufgeben, parteiisch werden, eine inner- und außerliteraturbetriebliche Opposition gegenüber Verblödung und Depression aufbauen, die Waffe der Verschwörung nicht verschmähen. Die Epigonen des Familienromans, die raunenden Beschwörer des Imperfekts auf ihren Platz am Rand verweisen und die zwar unbequeme, aber aufregende Gegenwart zum zentralen Ort des Erzählens und des Erzählten werden lassen und sie so transzendieren. Sie verteidigen gegen belletristische Zukunftsängste und nostalgische Erinnerungsmümmelei. Eine neue Mitte konstituieren. Das wäre dann sogar ein Titel.

Keine Fluchtmöglichkeit! Es wächst ja mit den künstlerischen Fertigkeiten auch die Ungeduld angesichts dessen, was einem wieder und wieder zwischen den Fingern zerrinnt. Da ist es beim Schreiben wie beim Lesen: Die Lebenszeit wird langsam zu kostbar für schlechte Bücher, und die sich selbst so elend schnell verkürzende Schreibzeit macht einem bewusst, dass es nicht mehr angeht, einfach nur auf das Gelingen zu warten. Hier liegt ein interessanter Konnex von Lebens- und Schreibwelt, so etwas wie ein biografisches Paradigma: Keine Fluchtmöglichkeit mehr!

Dass sich diese Erfahrung, die uns von den Jüngeren und Älteren gleichermaßen unterscheidet, weder in unserer Literatur noch in der Weise, wie wir im literarischen Feld agieren, adäquat abbildet, bedeutet jedoch viel mehr als nur die Notwendigkeit, unsere ästhetische Position zu überdenken. Sie ist Ausdruck eines Versagens und eines Mangels, dessen Konsequenzen weit ins Feld des Politischen hineinreichen. Dass es uns zunehmend als Verschwendung vorkommt, das Debatten-Feuilleton zu füttern, ist dabei lediglich Symptom. Und Symptom ist auch das zunehmende Unbehagen an den gegenwartsversessenen Lebensmitschriften der jungen Kollegen.

Wir fragen uns, warum der deutschen Gegenwartsliteratur ein emphatischer Begriff des Romans abhanden gekommen ist. Gewiss: Es gibt Familien-Historien, NS-Aufarbeitungs-, Berlin-, Pop- und Enkelromane aller Couleur, doch bereits die um sich greifende Rubrizierung zeigt, wie sehr der Roman die Mitte des Diskurses meidet. Dabei ist gerade der Roman als durchlässigste, aufnahmefähigste Literaturgattung in dieser Mitte des gesellschaftlichen Diskurses entstanden und hat aus ihr heraus immer seine auch ästhetisch größten Entwicklungen vollzogen. Eine mögliche Antwort, warum das so ist, lautet natürlich: Weil wir selbst in einem generationenalten Reflex die Mitte meiden. Doch die Scham der Faschistenkinder ist nicht die unsere. Während diese unverdrossen mit ihrer Vorliebe für Kleinformen und solipsistische Selbsterkundungen die Ränder und Schmollwinkel der literarischen Landschaft besetzt halten, ist es an uns, endlich die leere Mitte der Gesellschaft zurückzugewinnen.

Ein weiter Blick. Wir sind zu jung, um unsere Erfahrung weiter in den stickigen Kathedralen einer selbstreferenziellen Literatur verglühen zu lassen. Gleichzeitig sind wir zu alt, um einem populistischen Begriff von Realität aufzusitzen, wie ihn die jüngere Generation zum Markenzeichen ihrer Pseudospontaneität gemacht hat. Die Popliteratur ist tot, vorbei der Versuch, Problemdarstellung über die Infantilisierung der Gesellschaft zu betreiben.

An den vorlauten Zeitgeistverlautbarungen und den Berührungsängsten der Sprachartisten vorbei ist unser Ziel eine relevante Narration, denn wir glauben, dass dem Roman heute eine gesellschaftliche Aufgabe zukommt: Er muss die vergessenen oder tabuisierten Fragen der Gegenwart zu seiner Sache machen, er muss die Problemfelder, ob in lokalem oder globalem Kontext, in eine verbindliche Darstellung bringen. Die Forderung nach mehr Relevanz leiten wir nicht nur aus unserem Alter ab, sondern auch aus dem Zustand einer »unheimlich« gewordenen Welt. Ihre Bewohnbarkeit beizubehalten und weiter zu erschließen ist die Aufgabe des Romans. Dies setzt voraus, dass der Schreibende eine erkennbare Position bezieht, die moralische Valeurs mit ästhetischen Mitteln beglaubigt.

Das Problem ist immer, wie man von einem Ort zum anderen kommt. Die Aufgabe ist deshalb, Brücken zu bauen, in diesem Falle nicht nur zwischen Realität und Fiktion, sondern auch zwischen Moral und Ästhetik. Weil wir weder an den Tod des Autors glauben noch einfache Ich-Posen behaupten, sehen wir uns eher als Mittler zwischen Subjekt und Gesellschaft. Und da sehen wir, jetzt und in Zukunft, Menschen, die von einem Ort zum anderen unterwegs sind. Reisende, Nomaden, Migranten mit unterschiedlich schwerem Gepäck. Sie kommen aus unterschiedlichen Nationen, Ethnien, Milieus und Mentalitäten. Sie durchqueren Wüsten (auch solche der Zivilisation), gehen auf einer Überführung, befinden sich in Vorstädten: Der Ort der Narration ist ein für unsere Gegenwart typischer Nicht-Ort, ein offener und immer neu zu beschreibender Zwischenraum. Dieser weite Blick für neue Gruppierungen und globale Zwischenräume ist gegenüber den engen Tälern und den technikfreien Naturreservaten zu reklamieren.

Relevanz. Wir leben nicht auf den Schultern, sondern auf den versatzstückhaften Trümmern von Riesen, doch was da von manchen als postmodernes Spiel des Anything goes betrieben wird, ist nach wie vor todernst: Erzählen ist die verkappte Äußerungsform des Moralisten, ausgeübt mit dem Pathos dessen, der darin nicht etwa nur der Lust zu fabulieren frönt, sondern sich der Pflicht entledigt, Zeitgenossenschaft aus der Mitte seiner Generation heraus zu betreiben, von einem ästhetischen Standpunkt aus, der immer auch ein moralischer ist. Wer als Kritiker die existenzielle Dimension der Literatur nicht einklagt und stattdessen weiterhin das Lob der Bastelware singt, macht sich mitschuldig an der grassierenden Irrelevanz, die unser kulturelles Leben lähmt.

Denn wir sehnen uns nach nichts mehr als nach Büchern, die uns ergreifen, und sei es gegen unsern Willen! Niemand außer den mittleren Angestellten des Literaturbetriebes goutiert eine in der x-ten Potenz geschwächte Avantgarde, aber auch niemand braucht das Kunsthandwerk fein geklöppelter Wirklichkeitsabbildungen.

Ein aus dem Druck zeitgenössischer Erfahrung resultierendes Erzählen könnte versuchsweise als »Relevanter Realismus« bezeichnet werden. Ebenso weit entfernt von Pseudoavantgarde wie von Zeitgeisterei, arrangiert der Relevante Realist seinen Stoff so kunstvoll zur Fiktion, dass sie beim oberflächlichen Lesen mit einem Abbild der Realität verwechselt werden könnte: inszenierter Realismus. Darunter freilich wirkt das, was wir als Standpunkt von jedem wesentlichen Buch fordern, wirkt die ästhetisch-moralische Verantwortung eines Schriftstellers, der alles Stoffliche arrangiert, um damit ein erzählerisches Ziel zu erreichen.

Was also ist die Haltung des Relevanten Realismus? Stilistisch gesprochen: eine Gratwanderung zwischen dem, was als Erzählen aus der Mitte erlebten Lebens heraus seit je einzig angemessen, und dem, was von der einstigen Avantgarde als Kunstfertigkeit übrig geblieben ist. Moralisch gesprochen: die beständige Sichtung unsrer untergehenden Welt und das Ringen um neue Utopien. Vielleicht sollten wir uns dabei mit dem Gedanken anfreunden, wir ewig Linksliberalen, dass wir am Ende wertkonservativ denken müssen, um des grassierenden kulturellen Kannibalismus Herr zu werden. Auch der Schriftsteller unserer Generation wäre damit wieder an einem Ort, den er jahrzehntelang aus guten Gründen gemieden hat und den er jetzt nicht länger meiden darf: im Brennpunkt des gesellschaftlichen Diskurses, dort, wo es nicht nur zu sichten und stilistisch zu gestalten gilt, sondern auch Partei zu ergreifen. Was wir jetzt vor allem brauchen, ist: Unduldsamkeit.

Lesen Sie hier die Antworten von Andreas Maier, Uwe Tellkamp, Hans-Ulrich Treichel und Juli Zeh »

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  • Von Politycki et al.
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 23.06.2005 Nr.26
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