debatte Der Roman schaut in fremde Zimmer hinein

Andreas Maier: »Meine Literatur macht, was sie will«

Nein, ich möchte als Romanschreiber nicht den höheren Weihen dieser Gesellschaft oder überhaupt einer Gesellschaft dienen. Ich möchte nicht zur Diskursausrede taugen. Mit mir ist da nichts anzufangen. Ich muss, bevor ich zu so etwas wie Gesellschaft komme, erst einmal mein Verhältnis zu den Dingen im Allgemeinen und zum lieben Gott im Speziellen überprüfen, und allein damit werde ich wohl zu Lebzeiten nicht fertig. Es ist mir, ehrlich gesagt, auch ziemlich egal, ob mein Schreiben für zahlreiche Mitglieder der Gesellschaft relevant wäre. Ich kann meine Form und meine Wahrheit nur für mich finden.

Auch mich langweilt viel von der gegenwärtigen Literatur, aber ich brauche da nicht immer nur nach Leipzig zu schauen. Vor allem finde ich Literatur grauenhaft, die vorsätzlich geschieht, also weil man dies und das will . Ich habe meine »Themen« immer nur beim Schreiben gefunden, die kamen einfach so, und zwar deshalb, weil sie bei mir funktionierten, und andere Themen funktionierten nicht. Ich könnte nicht so schreiben wie die Leipziger oder die Hildesheimer, ich könnte aber auch nicht wie andere schreiben. Ich kann überhaupt nicht auf Kommando schreiben (auch nicht auf mein eigenes). Deshalb könnte ich mich auch nie in einem Manifest grundlegen: Ich müsste mich ja anschließend daran halten. Aber meine Literatur macht beim Schreiben leider nur allzu oft, was sie will.

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Übrigens wird mir ja oft nachgesagt, ich hätte im Vergleich zu anderen meiner Generation durchaus gesellschaftliche Dinge im Blick, bei meinem letzten Roman fiel sogar mitunter das Wort gesellschaftskritisch (o weh!). Aber Entschuldigung, das geschieht nicht mit Absicht, da ging kein abstrakter Willensentschluss voraus, sondern es hat sich so ergeben. Ich konnte immer am besten erzählen, wenn ich Leute reden lasse. Ich kann niemanden länger als eine Seite allein in einem Zimmer sitzen lassen. Und ich brauche Streitigkeiten, Konflikte, Zusammenkünfte. Aber eben nicht nur in diesen melancholiedurchwobenen Klein-Klein-Liebesbeziehungen, die da jetzt so en vogue sind (vielleicht weil man sie sich wünscht). Ich glaube all diesen Klein-Klein-Liebesbeziehungstexten ja bis heute nicht, dass es überhaupt gibt, wovon sie reden. Fast alles wird da rausgehalten. Das ist nicht die Welt. Genauso wenig wie die Gesellschaft. Die Gesellschaft ist auch nicht die Welt. So säkularisiert bin ich noch nicht. Ich möchte, wie gesagt, erst einmal mein Verhältnis zu dieser, also der Welt (ein großes Wort), klären, und das wird vermutlich ein Fass ohne Boden bleiben, und das Publikum sind zunächst mal nur ich und der liebe Gott und dann vielleicht noch ein paar andere, die es interessiert.

Nein, ich arbeite nicht dafür, dass diese Gesellschaft hier sich auf die Füße stelle. Vielleicht tue ich das mutatis mutandis, aber das ist dann nur ein Nebeneffekt, nicht der eigentliche Zweck. Und mit einem »wir brauchen« habe ich noch nie etwas im Sinn gehabt. Autoren, die von einem »wir brauchen« ausgegangen sind, konnte ich noch nie lesen, aus keinem Jahrhundert.

Juli Zeh: »Gesellschaftliche Relevanz braucht eine politische Richtung«

Es ist sehr erfreulich, dass sich ein paar Schriftstellerkollegen versammeln, um sich und andere am eigenen Zopf aus dem Lamento zu ziehen. Auch spricht nichts dagegen, Grass und Walser vom Weltgewissen-Sockel kippen zu wollen und sich gleichzeitig vorzunehmen, der nachrückenden Larifari-Pop-und-Befindlichkeits-Literatur etwas Handfestes entgegenzusetzen. Ob man das nun »Mitte« nennt oder nicht.

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