DIE ZEIT: Mr. Allen, wären Sie bereit für eine kleine Wiederbegegnung mit Zitaten aus Ihren Filmen?

Woody Allen: Warum nicht? Könnten Sie mir die Filme nennen, aus denen die Zitate stammen? Mein Gedächtnis lässt mich nämlich manchmal im Stich.

ZEIT: »Das Leben teilt sich in das Schreckliche und das Jämmerliche.« – Ehemänner und Ehefrauen

Allen: Im Grunde ist aus diesem Zitat mein neuer Film Melinda und Melinda entstanden. Darin wird die Geschichte einmal aus einem rein tragischen und einmal aus einem komischen Blickwinkel erzählt. Ich glaube tatsächlich, dass die eine Hälfte der Menschen das Leben als ein ausgedehntes tragisches Ereignis erlebt. Die andere Hälfte findet es so grauenhaft und jämmerlich, dass sie nur noch darüber lachen kann. Zu dieser Hälfte gehöre ich.

ZEIT: Ist das Tolstoj-Zitat aus Hannah und ihre Schwestern für Sie deshalb zu einer Art Lebensmotto geworden? »Die einzige absolute Wahrheit, die dem Menschen zugänglich ist…«

Allen: »…ist die absolute Bedeutungslosigkeit des Lebens.« Diese Erfahrung der Bedeutungslosigkeit verbindet uns alle. Wir sind zufällig da. Auch das Universum ist zufällig da. Und Sie sind hier in Venedig und sitzen neben mir auf einem Sofa. Auch das ist ein unfassbarer Zufall.

ZEIT: Ich bin hier, weil Twentieth Century Fox dieses Interview organisiert hat.

Allen: Und wenn Sie tot sind, dann existieren dieses Sofa und das Universum nicht mehr und Twentieth Century Fox wahrscheinlich auch nicht. Aber wir versuchen uns davon abzulenken. Ich, indem ich hier jetzt gleich mit einer Klarinette auf die Bühne gehe, Sie, indem Sie dieses Konzert eventuell besuchen könnten. Trotzdem ergeht es uns beiden wie den Spielern in den Casinos von Las Vegas. Wir können die Bank nicht besiegen. Am Ende gewinnt sie immer alles. Im allerbesten Fall können wir für eine Weile eine kleine Glückssträhne haben. In Harry außer sich hatte ich eine schöne Dialogzeile: »Jeder kennt die Wahrheit. Und unser Leben besteht daraus, sie zu verschleiern.« Der eine versucht es durch die Kunst, der andere durch die Politik, der nächste durch die Psychoanalyse und ein anderer durch Orgasmen.

ZEIT: »Dem Orgasmus wird viel zu viel Bedeutung beigemessen. Als müsse er uns für die Leere unseres Daseins entschädigen.« – Der Stadtneurotiker

Allen: In diesem Film spiegelt sich natürlich die sexuelle Befreiung, die siebziger Jahre. Man konnte sich auf einer Party kaum mit Leuten unterhalten, ohne dass das Gespräch irgendwann auf den Orgasmus, seine psychologische, philosophische oder postmarxistische Bedeutung kam. Die Leute stritten sogar darüber, ob sie den richtigen oder den falschen Orgasmus hatten.