Kino "Ich pfeife auf mein Vermächtnis"Seite 5/5
ZEIT: Den kleinen Chinesen gibt es nicht mehr…
Allen: Und Brando und Sinatra und Louis Armstrong sind auch verschwunden.
ZEIT: Gibt es etwas, was Sie stattdessen auf die Liste setzen würden?
Allen: Als Manhattan 1979 ins Kino kam, schrieb mir eine Frau einen Brief. Sie fand es unverständlich, dass ich im Film einen Sohn mit Meryl Streep habe, ihn aber nicht in meiner Aufzählung erwähne. Damals war ich noch Junggeselle. Jetzt würde ich vielleicht meine Frau und meine Kinder auf die Liste setzen.
ZEIT: In Stardust Memories, wo Sie einen Regisseur spielen, sagt jemand zu Ihnen: »Sie werden in Ihren Werken weiterleben.« Darauf Sie: »Was hab ich davon, wenn ich dabei keine Musik hören und keinen Sex haben kann?«
Allen:
Und neulich sagte jemand zu mir, dass ich in den Herzen und im Geist meiner Landsleute weiterleben werde. Ich will aber in meinem Apartment weiterleben! Es bedeutet überhaupt nichts, ein Vermächtnis zu haben. Die amerikanischen Präsidenten sind immer um ihr Vermächtnis besorgt. Was für ein Witz! Nur solange wir hier sind, haben die Dinge Bedeutung. Weg ist weg
(er schnippt mit dem Finger).
Ich pfeife auf mein Vermächtnis. Ich hätte da auch noch ein Zitat anzubringen: »Kunst ist der Katholizismus der Intellektuellen.« Leider habe ich vergessen, in welchem Film es vorkommt. Der Katholik glaubt an das Jenseits, und der Künstler und Intellektuelle glaubt an das Jenseits des Werks. Leider täuschen sich beide.
Das Gespräch führte
Katja Nicodemus
Aus der Leinwand gestiegen
Woody Allen steckt den Kopf durch die Tür und blickt verwirrt in die Suite seines venezianischen Hotels. Leider habe er vergessen, was jetzt dran sei, unser Gespräch oder der Termin mit dem italienischen Fotografen. Einen Moment lang steht er unentschlossen im Raum: »Warten wir einfach, was passiert?« Mit der dicken Brille und den braunen Cordhosen sieht der Neunundsechzigjährige aus, als sei er gerade eben aus der Leinwand gestiegen, so wie der Held in The Purple Rose of Cairo. Dabei wirkt er schüchtern, fast zart und sehr zuvorkommend: »Soll ich uns eine Erdbeere teilen? Haben Sie schon den morbiden Ausblick auf den Canal Grande genossen?« Allen, der begeisterte Klarinettist, ist in Venedig für einen Konzertauftritt mit seiner New Orleans Jazz Band. Aber eigentlich reise er nur, »weil meine Frau Soon-Yi das so gerne mag«. Nebenbei wirbt er in Europa für seinen neuen Film Melinda und Melinda, dessen Doppelkonstruktion die junge Heldin einmal durch eine tragische und einmal durch eine komische Geschichte schickt. In der einen Variante wird Melinda (Radha Mitchell) zur depressiven, von allen Geliebten verlassenen Verliererin, in der anderen zur erotischen Abenteurerin, die auf die Männer, das Leben und New York losstürmt. Wie immer genügen Allen wenige Dialog-Tupfer, um das Milieu der Chardonnay schlürfenden New Yorker Kulturschickimickis zu skizzieren (»Du kennst deinen Strawinsky«), ihre Dinners, Designrestaurants und Shopping-Streifzüge über die 5th Avenue. Und natürlich ist es wieder ein Film über die großen Allen-Fragen: Was treibt Menschen dazu, sich zu verlieben? Warum bleiben die einen zusammen und die anderen nicht? Wie sehr ist unsere Existenz vom Zufall bestimmt? Und was tun, wenn einem beim Belauschen eines Liebespaares der Bademantel in der Tür eingeklemmt wird?
- Datum 10.12.2007 - 13:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 23.06.2005 Nr.26
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