Wer beinahe täglich Krimis liest, wird allmählich abgebrüht. Doch hin und wieder – und das sind die Sternstunden des Lesens – packt es einen doch ans Herz. Deshalb schäme ich mich nicht, wenn ich gestehe, dass mir die Tränen gekommen sind, als ich dieser Tage noch einmal den Schluss von Friedrich Anis’ Die Erfindung des Abschieds las.

Raphael, ein neunjähriger Junge, wird von seinem Vater so furchtbar verprügelt und von seiner Mutter so allein gelassen, dass er nicht mehr leben will, als auch noch sein Großvater stirbt, der einzige Mensch, der lieb zu ihm gewesen war. Raphael haut ab und wird damit erstmals zu einem Fall für das Kommissariat 114 (Vermisste und unbekannte Tote) im Dezernat 11 der Münchner Kriminalpolizei. Raphael findet Unterschlupf bei einem Friedhofsgärtner, der ihn versteht und vor der Polizei verbirgt, wird trotzdem aufgefunden und, wie es sich gehört, seinen Eltern zurückgegeben. Vom Vater beinahe zu Tode geprügelt, flieht er, kaum kann er wieder laufen, erneut, diesmal ganz und gar entschlossen, dorthin zu gehen, wo der Großvater schon ist. Er überredet den Friedhofsgärtner, der vielleicht auch kaum einer Überredung bedarf (doch diese Motivebene lässt der Erzähler in der Schwebe) dazu, ihn nach Helgoland zu bringen, wo er vom Lummenfelsen springen will. Tabor Süden, Hauptkommissar in der Vemisstenstelle, der ihn schon beim ersten Mal gefunden hatte, ahnt als Einziger, zu welchem Ziel der Junge unterwegs ist und warum. Aus Mitgefühl reißt sich der Kommissar aus allen Beamten- und Freundschaftsbindungen, reist dem Kind auf Verdacht nach und kann den Jungen im letzten Augenblick packen. Dann sitzen sie, ein kleines und ein großes Kind, an der Felskante, und das große erzählt dem kleinen eine tröstende Geschichte. Und da kamen mir die Tränen. Nun, das muss man nicht in allen Einzelheiten ausführen, weil es für Tränen viele Gründe gibt, aber sagen wir mal: Mir wurde bewusst, dass es für große Kinder keine tröstenden Geschichten mehr gibt.

Die Erfindung des Abschieds erschien 1998 und war die Ouvertüre zu einer Serie von Kriminalromanen um den charismatischen Kommissar Tabor Süden, die dieser Tage mit dem Erscheinen des zehnten einen endgültigen Abschluss gefunden hat. Kriminalschriftsteller scheinen sich in ihrer Arbeit Gott näher zu fühlen als andere Romanciers, vermutlich, weil es bei ihnen doch entschiedener um Gut und Böse, Schuld und Sühne, Leben und Tod geht. Jedenfalls folgen gerade die besten Autoren, man denke etwa an Sjöwall/Wahlöö, Arne Dahl oder Jean-Patrick Manchette, Gottes Vorbild und konzipieren ihr Werk als Dekalog.

Anis Romane sind eine "élégie humaine"

Die Zehn ist für Kriminalschriftsteller, die eine Welt beschreiben wollen, einfach eine nahe liegende Zahl. Die Welt, die Friedrich Ani beschreibt, ist bestimmt durch den Ausschnitt, der sich aus den Aufgaben einer Vermisstenstelle ergibt. Hier verläuft der Prozess der Detektion nicht nur in einer Richtung. Wenn ein Mensch verschwunden ist, muss er nicht tot sein, sondern er kann ein als unerträglich empfundenen Leben verlassen und ein anderes gefunden haben. Aber wie selten gelingt das. Anis Romane um Tabor Süden sind keine comédie, eher eine élégie humaine: Manchmal muss man aus Trauer und Verzweiflung einfach aufhören zu lesen, so herzergreifend sind die Fälle, so erschütternd das Bild, das die seelischen und sozialen Abgründe unserer Wirklichkeit zeigt.

Es sind die Einsamen, Ungetrösteten, Verlassenen, von denen er schreibt, zart, einfühlsam und respektvoll, mit Trauer über all die ungelebten, vertanen, unerfüllten und vergessenen Leben. Zehn Süden-Romane hat Ani in den Jahren 2000 bis 2005 veröffentlicht. Der Kreis ist geschlossen, das Ende, das in Die Erfindung des Abschieds mit dem Selbstmord von Südens bestem Freund und Kollegen Martin Heuer begann, ist jetzt, mit Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel , eingelöst. Unwiderruflich tot sind beide Verschwundenen im letzten Roman: das kleine Mädchen, das etwas Beschämendes gesehen hat, und die junge Frau, die einem neidischen Erpresser zum Opfer fiel. Nach 25 Jahren als Kriminalbeamter, davon 12 in der Vermisstenstelle, verschwindet Tabor Süden, der nicht einmal seinen eigenen verschwundenen Vater finden konnte, aus dem Dienst. Er hat "das bezahlte Scheitern so satt". Und Friedrich Ani, der literarisch eigenwilligste und beste deutsche Kriminalschriftsteller, der die Sache anging, wie man es tun soll, auf Leben und Tod, hat ebenfalls den Dienst quittiert und schreibt jetzt andere Sachen. Bye-bye, Süden! Tobias Gohlis