Wer in diesem Moment den Kopf aus dem Zugfenster steckt, sieht ein Bild, das er so bald nicht vergisst: Das Tor nach Kaliningrad steht offen – ein wirkliches Tor aus Eisen und Draht, keine Politikerphrase. So wirklich wie der russische Soldat mit seiner geschulterten MP, der es für uns aufgemacht hat und hinter uns schließen wird, wenn der Zug aus Berlin durch ist. Zweimal täglich macht er es auf und schnell wieder zu. Einmal morgens, einmal abends. Einmal hin, einmal her.

Sensible Seelchen könnten meinen, das Tor nach Kaliningrad sähe ein bisschen aus wie das Tor zu einem sowjetischen Straflager: zirka drei Meter breit und fast ebenso hoch; 28 Stacheldrähte waagerecht im eisernen Rahmen. Aber sensible Seelchen nehmen nicht den Nachtzug nach Ostpreußen.

Ein ganzer Zug ist es eigentlich nicht, nur ein Kurswagen. Ein himmelblauer russischer Schlafwagen, in Lichtenberg losgefahren, dem grauen Hinterhof von Berlin, auf nachtschlafenden polnischen Bahnhöfen an Kurswagen aus Krakau gehängt und von denen nach Kiew getrennt, eine Stunde wartend in Frankfurt an der Oder, bald drei in Dirschau an der Weichsel. Dann steht ein Rittertraum namens Marienburg am Ufer der Nogat im Morgenlicht. Und dann endlich tritt das russische Stacheldrahttor der alten preußischen Eisenbahnlinie Berlin–Königsberg in den Weg.

Ihre Gleise wurden auf neuen Schotter gebettet, es ruckelt weniger als noch vor Jahren. Diese letzten Bahnkilometer bis Kaliningrad sind die einzigen mit europäischer Spurbreite im ganzen Gebiet. In Kaliningrad endet die europäische Spur – wieder so ein eisernes Detail, das von einem Symbol nicht zu unterscheiden ist.

Rasch hat sich im Gang des Spalnij Wagon miteinander bekannt gemacht, wer das will. Da ist die Studentin aus Berkeley, sie hat in Kaliningrad einen Russischkursus belegt. Für ihre Doktorarbeit suchte sie ein deutsch-russisches Thema, so kam sie auf Königsberg. Sie teilt das Abteil mit der Dame aus Rostock, die von hier stammt, aus dem alten Stadtteil Ponath. Ende 1944, mit acht Jahren, sah sie noch Peterchens Mondfahrt im Stadttheater, dann kamen die Russen. Nun besucht sie russische Freunde hier. Die polnische Dame nebenan reist weiter nach Tilsit, um die Arbeit ihrer Firma zu inspizieren, die dort Häuser baut.

Der bärtige Hüne ganz in Schwarz, der im Gang auf und ab geht, ohne ein Wort zu sprechen, und über den manche schon flüstern, erweist sich als Leiter der jüdischen Gemeinde Kaliningrad. In Berlin hat er an einem theologischen Seminar teilgenommen, in der alten Synagoge in Prenzlauer Berg. Und der ebenso stille Hagere, der sich gleich in seinem Abteil eingeschlossen hat, ist ein Russlanddeutscher aus Kasachstan, der nun in Hamburg lebt und seinen in Kaliningrad gebliebenen Sohn besuchen will.

Man reibt sich die Augen angesichts rappelvoller Schaufenster und Lokale

Wer aus diesem Nachtzug etwas herauslesen wollte, sähe sich vor die Wahl gestellt, ihn als Schlafwagen der Geschichte zu betrachten oder als Kurswagen in die Zukunft. Beides geht. Die eine Lesart hat so Recht wie die andere. Immer noch ist das russische Ostpreußen eine lebende Unmöglichkeit zwischen zwei Welten und mehr als zwei Zeiten: der vor 60 Jahren versunkenen deutschen, der nun verfallenden sowjetischen und einer sich ungestüm ihre Bahnen brechenden neuen. Wohin die Reise geht, die des Oblast Kaliningrad, das ist die K-Frage am Ostrand des östlicher gewordenen Europas.

Meine erste Reise dorthin liegt genau 14 Jahre zurück. Wer im Juni 1991 unter den ersten Deutschen seit der Vertreibung war, die das verbotene Land wieder betreten durften, für den ging mit dem stacheldrahtigen zugleich ein Eichendorffsches Tor knarzend auf – in einen verwunschenen, alten Garten. Kaiserkron und Päonien rot, die müssen verzaubert sein. Und obwohl der Sommer seine Alleenschatten auf die Wunden legte und üppigen Flieder, hielt mancher, der die fremd gewordene Heimat wiedersah, es nicht aus und rannte entsetzt heim ins Exil. Wie die Frau, die kurz vor dem Ort, in dem sie geboren worden war, den Taxifahrer bat umzukehren.

Nachdem sie die Herkunft verloren habe, erklärte sie ihr Tun, wolle sie nicht auch noch ihre inneren Bilder verlieren. Unterwegs hatte sie verfallende Häuser und Höfe gesehen. Kirchen, die Viehställe waren. Dörfer, von den neuen Bewohnern als Tagebau genutzt, um Backsteine herauszuklopfen. Es gab damals im ehedem backsteinernen Nordostpreußen keine einzige Ziegelei mehr.

Umso entzückter waren die Zeitreisenden, wenn sie, aus einer unendlich langen Allee kommend, vor sich den Traum von einem ostpreußischen Dorf auftauchen sahen – einen einzigen lilafarbenen Fliederhügel, aus dem ein backsteinerner Kirchturm sticht. Der Traum hielt, bis man das Dorf erreichte.

Eine andere Reise führte in den Kaliningrader Frühwinter des Jahres 2000. Auf dem Land schlug der Verfall in offene Agonie um. Viele Felder waren nicht mehr bestellt, in vielen Dörfern herrschte unbeschreibliches Elend. Was aber zu leben, ja aufzuleben schien, war die einzige große Stadt. In den Restaurants und Nachtclubs von Kaliningrad war eine Nachkriegslebenslust ausgebrochen, vergleichbar dem Boom von Kabaretts und Bars in Berlin oder in Phnom Penh nach dem Krieg.

In die Erdgeschosse der sowjetischen Wohnhäuser, die Läden nicht vorgesehen hatten, wurden Ladentürlöcher gebrochen und Schaufenster. Es schlug die Stunde der Schwarzmarkthelden und ihrer so leicht wie möglich bekleideten Mädchen, die Farbe der Saison war ein gleißendes Schwarz. Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, dreiviertellange schwarze Lederjacke – der Gehrock des postsowjetischen Gangsters auf seinem Weg in die neurussische Legalität. Schwarze deutsche Luxuswagen auf dem bewachten Parkplatz am Leninskij Prospekt.

Und wie ist es jetzt?

Wieder anders, wie ein erster Gang in die Stadt zeigt. Den Nobelparkplatz am Leninskij Prospekt gibt es nicht mehr. Er ist eine Baustelle, eine von vielen. Beim Siegesplatz entsteht gerade ein neues Megakaufhaus. Dabei gibt es schon ein halbes Dutzend große Supermärkte plus vier Baumärkte plus all die kleineren Geschäfte. Sie bieten fast alles, was der Kunde in Berlin auch kaufen kann. Die neuesten Geländewagen, Fernseher, Waschmaschinen, PCs. Mode und Wein aus dem Westen. Und es wird gekauft. Riesige Videowände für die Werbung werden gerade an zentralen Plätzen installiert.

Man reibt sich die Augen angesichts rappelvoller Schaufenster und Lokale: Woher haben die alle das Geld – so viele und keineswegs nur ein paar Schmuggelbarone? Das Stadtbild ist bunter geworden, es begegnen einem nicht mehr nur drei Typen: Funktionär/Militär, armes Mütterchen Russland, neureicher Protz in Schwarz.

Der neue Typus ist jemand wie Wladimir, der sich wieder bei seinem wirklichen Namen Waldemar nennt. Als Sohn verbannter Wolgadeutscher hatte er Probleme, Geschichte zu studieren, daher die Camouflage. Heute ist er Ende 30. Verheiratet, ein Kind, Wohnung in guter Gegend, eine reguläre Arbeit – und zwei, drei andere. Im Dom hält er Vorträge vor deutschen und russischen Besuchern. Nebenher fotografiert er das Land und verkauft ihnen seine Bilder. Und weil er gut vernetzt ist, ruft ihn ein Millionärsfreund an und fragt, ob Waldemar ihn nicht als gebildeter und sprachkundiger Cicerone auf einer Deutschlandreise begleiten wolle.

So viel Talent und Geschick wird nicht jeder der Jugendlichen aufbringen, die sich jeden Abend zu Hunderten vor dem großen Kino beim Siegesplatz treffen, aber für ein Auto und einen netten Abend mit Freundin reicht es schon. Es ist eigentümlich, wie die Sitten der Wirtschaftswunderjahre eine Tagesreise östlich davon und ein halbes Jahrhundert später wiederkehren. Im Auto langsam am Platz entlangfahren, mit den Freunden ein Bier trinken, nach den Mädchen schauen, nach den Jungs. Die Musikbox hat allerdings einen Zeitsprung gemacht: ein Bildschirm in der Außenwand eines der vielen Biergärten ringsum. Das Lied, das man wählt, hört der ganze Platz. Gerade läuft Punjabi MC.