Karneval Jeck im Juni
In Köln ist immer Fastnacht: Auf der Messe InterKarneval bereiten sich die Narren auf die nächste Session vor
Es ist Freitagmorgen, halb zehn und die Sonne lacht schon vom gardeuniformblauen Himmel. Während es andere an solchen Tagen erfrischungssuchend in den Garten oder ins Schwimmbad zieht, um sich im und am kühlen Nass zu laben, strömen in Köln fröhliche Scharen in die dunklen Messehallen. Was kann so attraktiv sein, dass Strandbad und Sommerfrische plötzlich mit schnöder Missachtung gestraft werden? Ganz einfach: Es ist Karneval! Nein, de Zuch kött noch nicht, aber was ein echter Narr ist, der lebt die fünfte Jahreszeit eben zu jeder Jahreszeit.
Was die Saison 2005/2006 an Neuheiten, Attraktionen und Anregungen zu bieten hat, erfährt man dieses Wochenende auf der InterKarneval, der internationalen Erlebnismesse rund um Fastnacht. Aus der ganzen Republik, ja sogar aus dem Ausland pilgern die Jecken nach Köln und tun das, was sie am liebsten tun: feiern. Das Kölsch fließt, die Besucher schunkeln ausgelassen und die Sänger auf der Bühne heizen die Stimmung an.
Dennoch ist die InterKarneval keine reine Vergnügungsveranstaltung, sondern eben eine Messe, wo Närrinnen und Narrhalesen alles geboten bekommen, was für die Fastnacht essenziell ist. Ob Tipps und Tricks zum Schminken und Kostümieren oder Anleitungen und Informationen zu Bühnentechnik und Showmarketing – das Spektrum des Messeangebots ist groß. Die ausgelassene Stimmung ist ein Nebeneffekt und liegt den Rheinländern ohnehin im Blut. „Bei uns läuft dat janze Jahr över Karnevalsmusik“, sagt eine Frau und prostet ihren Freundinnen am Tisch zu. Sie sind von der Damengruppe aus Eschweiler und wollen bei der Messe ihren diesjährigen Orden bestellen, von dem sie genaue Vorstellungen haben, wie er auszusehen hat. “Ein Schmetterling mit zwei Pinseln in der Mitte und in den Flügeln eine Elf“, erklären sie. „Unsere Gruppe gibt es seit elf Jahren und unser Motto ist ‚elf Jahre wie gemalt’“, fügt eine andere hinzu, während ihre Freundin die neueste Schminke an ihr testet.
So wie der geplante Schmetterling der Damengruppe erzählt jeder Orden eine eigene Geschichte. Alljährlich lässt jede Gesellschaft einen neuen Orden fertigen. Allein in Köln sind das um die fünfhundert neue Orden im Jahr, schätzt Karsten Lang und er muss es wissen, denn Orden sind sein großes Hobby. Der leidenschaftliche Sammler trägt aus der ganzen Republik die witzig-martialischen Wahrzeichen zusammen und archiviert sie im Kölner Karnevalsorden-Museum. „Sie sind ein Spiegel der Zeit“, sagt Lang und weiß auch die eine oder andere Geschichte zu seinen Prachtstücken zu erzählen. Als sich 1967 beispielsweise ein weißer Wal im Rhein verirrte, waren die Rheinländer so tief beeindruckt, dass sich der Wal kurzerhand auf einigen Orden des Jahres wiederfand. Als 1975 die Ortschaft Porz eingemeindet wurde und Köln zur Millionenstadt machte, fand man auf den Orden die Aufschrift: „Dat Milliönsche hammer voll!“ Die fein ziselierten und liebevoll ausgearbeiteten Jugendstilorden der Jahrhundertwende sind Langs Lieblingsstücke, die älteste Medaille seiner circa 5.000 Teile umfassenden Sammlung stammt aus dem Jahr 1838.
Obwohl es letztes Jahr 14.000 Besucher ins Messenarrhalla zog, sind einige Aussteller enttäuscht. „Die Kölner Gesellschaft fehlt hier vollkommen“, sagt Lang und meint damit die Entscheidungsträger der Vereine und des Festkomitees. Viele Gäste kämen um an den Workshops teilzunehmen und die Meisterschaften des Männerballetts zu bestaunen. „Für Wurfmaterial ist die Messe viel zu früh“, gibt ein Bekannter von Lang zu bedenken, der gegenüber die „Minifunken“ präsentiert. Dabei sind seine Minifunken eine wirklich reizvolle und bezaubernde Alternative zu den üblichen Kamellen, die von den Wagen fliegen: „Dä Schmal, dä Knubbel un datt Marie“, die Urgesteine des Kölner Karneval, die wie Tünnes und Scheel in Uniform mit Damenbegleitung daherkommen, können wunschgemäß in den Farben des jeweiligen Vereins angefertigt werden.
Ja, die erwähnten Workshops finden großen Zulauf: Während in den unteren Hallen nach Gemütlichkeit strebende Gäste den singenden Stimmungskanonen lauschen oder sich bei Modenschauen Anregungen für die nächsten Kostüme holen, werden im ersten Stock die Kölschpfunde von den Hüften geschüttelt. Ob Gardetanz, humoristischer Showtanz oder einfach nur der Bewegungsablauf hin zu der perfekten Hebefigur, für jeden karnevalistischen Bewegungsdrang ist das passende Programm dabei. Einer der Höhepunkte der Messe ist natürlich die Meisterschaft des Männerballetts und die gestandenen Kerle, die bemüht grazil ihre strammen Waden so in die Luft schmeißen dass jedes Funkenmariechen vor Neid erblasst, sind der reinste Publikumsmagnet.
Jacques Tilly lässt sich von den ihn umgebenden Helau-Rufen und Konfettiregen nicht beeindrucken während er in einem heißen Topf mit Knochenleim rührt. Er kommt aus der verfeindeten Nachbarstadt und kennt die Animositäten zwischen Köln und Düsseldorf, vor denen auch der Karneval nicht halt macht. Tilly baut die prachtvollen bunten Figuren, die auf den Wagen bei den großen Rosenmontagsumzügen alljährlich belustigen und provozieren. Er liebt es, mit seinen Darstellungen den besonderen Nerv zu treffen und die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen satirisch auf die Spitze zu treiben. Während die Düsseldorfer seine Provokationen schätzen, gehen diese den Kölnern jedoch zu weit: Über die Grenzen humoristischer Freiheit kann eben gestritten werden. „Ich habe den Anspruch, die frechsten Wagen zu bauen“, sagt er grinsend und den Ausstellungsstücken in der Halle nach zu urteilen, schafft er das auch. So sind beispielsweise die Schwesterparteien CDU und CSU in Form wilder Tiere in ein sich zerfleischendes Bündel verknotet. Er versucht, mit seinen Wagengestaltungen die größtmögliche Aktualität zu erreichen, was zur Folge hat, dass seine Truppe erst zwei Wochen vor Rosenmontag mit dem Bau der Mottowagen beginnt. „Dann wird aber auch Tag und Nacht gearbeitet und kaum noch geschlafen“, erzählt Tilly.
Ein großer Bestandteil der Messe sind Kostüme, auch wenn die meisten Jecken bereits genau wissen, was sie beim nächsten Karneval alles tragen werden. Aber es ist keineswegs so, dass nur zur Fastnachtszeit eine Nachfrage nach Kostümen herrscht. „Die Leute kommen das ganze Jahr über in den Laden“, sagt Uschi Böllsterling am Kostümstand und weiß auch warum: „Es gibt zu jedem Fest ein Motto“, erläutert sie. Ob Taufe, Hochzeit oder schlichte Grillfeier, fast jedes feucht-fröhliche Zusammentreffen hat ein Thema, zu dem man sich entsprechend kleidet. Und Karnevalslieder werden sowieso früher oder später gespielt. Da ist es wenig verwunderlich, dass sie selbst in ihrem Leben etwa hundert verschiedene Kostüme angesammelt hat – die natürlich immer noch unterschiedlich umgearbeitet und variiert werden. Dieses Jahr geht der allgemeine Trend hin zu Verkleidungen im Stil der 70er-Jahre, schätzt Böllsterling und auch die bevorstehende Weltmeisterschaft sei schon zu spüren: „Schon vor Wochen hatten wir Anfragen für Fußballsachen“, sagt sie.
Nun, wer jetzt in der Sommerhitze etwas unruhig geworden ist, weil er sich noch keine Gedanken über die närrische Tracht zum nächsten Fastelovends gemacht hat, der kann sich wieder entspannt in den Liegstuhl zurücklehnen und sich damit abfinden, dass, wie Wagenbauer Tilly sagt, „die Kölner eben Karnevalisten von Geburt“ sind. Und wie ging das Lied doch gleich? „Einmal nur im Jahr ist Karneval!“
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- Quelle (c) ZEIT.de, 26.06.2005
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